Fokus: Umgang mit Beschäftigten mit Fluchthintergrund

Aus der Praxis: Interviews

Dr. Mercedes Hillen ist geschäftsführende Leiterin des Zentrums ÜBERLEBEN gGmbH (ehemals Behandlungszentrum für Folteropfer) in Berlin. Im Interview verrät sie, wie ein strukturierter Tagesablauf bei der Verarbeitung von Traumata hilft und wie Betriebe sich auf den Umgang mit (potenziell) traumatisierten Geflüchteten einstellen können.

Priv.-Doz. Dr. Mazda Adli ist u.a. Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin, einer Ambulanz und Tagesklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Erfahren Sie mehr darüber, was es zujm Beispiel mit dem sogenannten „Anpassungsstress“ auf sich hat.


Arbeit zu haben spielt eine wichtige Rolle bei der Integration von Geflüchteten.

Die Zusammenarbeit mit Geflüchteten birgt viele Potenziale und auch viele Fragen für beide Seiten. So bietet die Beschäftigung von Geflüchteten Unternehmen die Möglichkeit, interkulturelle Kompetenzen zu erwerben - für Geflüchtete bedeutet eine Arbeitsstelle den ersten und vielleicht wichtigsten Schritt in ein neues Leben. Dabei erleben viele Unternehmen, die bereits Geflüchteten beschäftigen, die neuen Mitarbeitenden als besonders engagiert und motiviert. Im Vorfeld bestehen jedoch verständlicherweise Unsicherheiten, wenn es um eine Zusammenarbeit geht. Beide wissen nicht, was sie erwartet und was von ihnen erwartet wird. Als Stolpersteine werden vor allem sprachliche und kulturelle Barrieren angesehen. Eine Herausforderung kann in einigen Fällen auch der Umgang mit den psychischen Belastungen der Geflüchteten darstellen. Viele haben im Krieg und auf der oft langen und lebensgefährlichen Flucht Furchtbares erlebt. Anschließend kann ein unsicherer Aufenthaltsstatus die Psyche belasten. Diese Situation kann eine Herausforderung für beide Seiten darstellen, die jedoch kein Hindernis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sein muss.

An dieser Stelle erfahren Sie, wie Sie als Führungskraft auf Beschäftigte mit Fluchthintergrund am besten zugehen und wo Sie bei Bedarf externe Unterstützungsangebote finden.

Längst nicht jeder ist betroffen

Längst nicht alle Geflüchteten, die in Deutschland ankommen, sind im medizinischen Sinne traumatisiert. Studien zufolge trifft diese Diagnose nur auf etwa 30 Prozent zu. Als Führungskraft ist es jedoch hilfreich wissen, dass dies der Fall sein kann, da Geflüchtete belastende Erfahrungen gemacht haben können, die bei manchen Betroffenen Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Angstzustände auslösen können. Doch auch wenn jemand traumatisiert ist, heißt das nicht automatisch, dass er nicht in der Lage ist, zu arbeiten oder eine Sonderbehandlung benötigt. 

Für Führungskräfte ist es wichtig, die Fürsorgeverantwortung ernst zu nehmen, mögliche Anzeichen zu erkennen und die Möglichkeit professioller Hilfsstrukturen in der Region zu kennen. Anlaufstellen für professionelle Hilfe finden Sie bei den Mitgliedszentren und Fördermitgliedern der BAfF e.V.

Ein strukturierter Tagesablauf sorgt für Stabilität

Für die soziale Integration von Geflüchteten spielt der Zugang zum Arbeitsmarkt eine entscheidende Rolle. Denn durch die Aufnahme einer Beschäftigung erhalten sie die Chance, ihr Leben wieder ein Stück weit selbst in die Hand zu nehmen und der Gesellschaft, die sie aufgenommen hat, etwas zurückgeben. Feste Strukturen und das Gefühl, gebraucht zu werden, führen zu Stabilität und wirken der Hilflosigkeit entgegen, die viele Geflüchtete zuvor auf der Flucht erlebt haben. So fällt es ihnen oftmals leichter, furchtbare Erlebnisse zu verarbeiten.

Integration durch Arbeit

Mit der Flucht verbinden die Flüchtenden die Hoffnung, dass es am Ankunftsort besser wird, dass ein neues Leben startet. Dazu gehört immer auch eine schnelle Integration in den Arbeitsmarkt. Gelingt dies nicht, sind sie über einen längeren Zeitraum unfreiwillig zur Untätigkeit gezwungen. Das erleben die Betroffenen als enorme Frustration, die das Gefühl der Aussichtslosigkeit verstärkt. Wer hingegen die Chance auf eine Beschäftigung bekommt, hat eine Perspektive, eignet sich die Sprache schneller an, lebt sich in der Gemeinschaft ein, lernt am Umgang der Kolleginnen und Kollegen untereinander und schaut sich im gemeinsamen Zusammenleben die kulturellen Gepflogenheiten ab. Die Arbeit dient quasi als Andockstelle, um sich in die neue Gesellschaft zu integrieren. Solche Andockstellen sind sehr wichtig für Geflüchtete, um sich zu orientieren, um hier Fuß zu fassen und Teil der Gesellschaft zu werden. 

Bei starken Belastungen richtig reagieren

Bemerken Vorgesetzte und Beschäftigte, dass ein Kollege oder eine Kollegin mit Fluchterfahrung stark belastet erscheint, zeigen Sie Verständnis und bieten Sie ihnen ein offenes Ohr an. Machen Sie ein Gesprächsangebot und bringen Sie zunächst einmal in Erfahrung, ob Sie mit Ihrem Eindruck richtig liegen - ohne zu drängen. Zögern Sie damit nicht, fragen Sie in einem vertraulichen Gespräch direkt nach und bieten Sie Hilfe an, indem Sie bzw. auf entsprechende Hilfsangebote verweisen. Das kann zum Beispiel eine Vertrauensperson im Unternehmen sein, die im Umgang mit Traumatisierungen oder psychischen Belastungen im Allgemeinen geschult ist und an die sich alle Beschäftigten – nicht nur diejenigen mit Fluchterfahrung – bei Problemen wenden können.

Grundkenntnisse über die Folgen traumatischer Erlebnisse fördern zudem die Akzeptanz in der Belegschaft. Hier kann der Betrieb Schulungen oder Vorträge nutzen, um Führungskräfte und Beschäftigte über die Thematik zu informieren und sie zu sensibilisieren. Entsprechende Qualifizierungsmaßnahmen bieten zum Beispiel die psychosozialen Zentren in Deutschland an. Weiterführende Informationen finden Sie online auf den Seiten des Dachverbands Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer e.V. (BAfF). Gerade für kleine Betriebe kann es sinnvoll sein, sich mit anderen Unternehmen aus der Region zusammenzuschließen, um ausreichend Teilnehmer für eine Schulung zusammen zu bekommen. Daneben gibt es vielerorts lokale Netzwerke und Initiativen, die Unternehmen bei der Zusammenarbeit mit Geflüchteten beraten und unterstützen. In jedem Fall ist es sinnvoll, sich möglichst frühzeitig um entsprechende Angebote zu kümmern, da diese aktuell sehr stark nachgefragt sind und der Bedarf nicht überall gedeckt werden kann. Das Gleiche gilt für die psychologische Betreuung von Geflüchteten.