Wenn Ereignisse zum Trauma werden

Interview mit Waltraud Rinke, Gesundheitsmanagement Personenverkehr, Deutsche Bahn AG.

Waltraud Rinke, Gesundheitsmanagement Personenverkehr, Deutsche Bahn AG. ©: Waltraud RinkeEine traurige Tatsache – Suizide und Suizidversuche auf den Schienen gehören leider zum Alltag bei der Bahn. Das kann eine traumatische Erfahrung sein für die Triebfahrzeugführer und Zugbegleiter,  die unmittelbar das Geschehen erleben.  Deshalb hat die Deutsche Bahn schon vor mehreren Jahren ein Konzept entwickelt,  ihre Mitarbeiter bei derartigen emotionalen Belastungen zu unterstützen und so der Entstehung eines posttraumatischen Belastungssyndrom vorzubeugen. Denn posttraumatische Belastungsstörungen können für die Mitarbeiter und damit für das Unternehmen zu einem ernsthaften Problem werden. Aber auch darüber hinaus ist der allgemeine Trend, der Anstieg von psychisch bedingten Krankheiten, im Unternehmen spürbar. Das betriebliche Gesundheitsmanagement will deswegen in Zukunft noch stärker die Führungskräfte durch themenbezogene Seminare in ihrer Führungsverantwortung stärken. 

Sie kümmern sich um die Gesundheit von rund 50.000 Mitarbeitern des Personenverkehrs, von den Triebfahrzeugführern und Zugbegleitern über die Reiseberater in den Reisezentren bis hin zum Overhead-Personal. Wie steht es um die psychische Gesundheit Ihrer Mitarbeiter?
In den letzten fünf Jahren hat sich die Anzahl der psychisch bedingten Krankheitsfälle im Unternehmen mehr als verdoppelt. Eine Ursache mag sein, dass die Krankheiten früher anders diagnostiziert worden sind, z.B. als Rückenschmerzen oder Migräne. Jedoch spüren wir natürlich auch bei uns die Veränderungen, die mit dem Wandel der gesellschaftlichen, aber auch der arbeitsbezogenen Rahmenbedingungen zu tun haben. Dazu gehört ein verändertes Freizeitverhalten ebenso wie die Veränderung durch technische Innovationen und eine veränderte Anerkennungskultur. In Zeiten permanenter Veränderungen fallen ehemals gesicherte Faktoren der Anerkennung weg: die Bewunderung beispielsweise für eine perfekte Präsentation ersetzt die Würdigung einer langfristigen Arbeitsleistung  Es gilt sich immer wieder neu zu beweisen. Das bereitet vor allem älteren Mitarbeitern Schwierigkeiten.

Burnout, Depression und Co. sind in viele Unternehmen noch ein Tabu. Betroffene trauen sich oftmals nicht zuzugeben, dass sie psychische Probleme haben.
Die Themen posttraumatische Belastungsstörungen und Sucht gehen wir schon seit Jahren an – das ist kein Tabu mehr. Anders sieht es vor allem im Hinblick auf die Erschöpfungsdepression aus. Mit dem Projekt „psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“ möchten wir die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen und damit die Entstigmatisierung der betroffenen Mitarbeiter erreichen.

Was hat sich bewährt bei der Unterstützung von Mitarbeitern, die an posttraumatischen Belastungsstörungen leiden?
Wir haben hierzu ein spezielles Betreuungskonzept entwickelt. Wenn es zu einem Notfall kommt, stellen Erstbetreuer noch am Unfallort den Erstkontakt zu den betroffenen Mitarbeitern her und begleiten sie auch gegebenenfalls nach Hause. Die weitere Betreuung findet durch die Führungskraft und Vertrauensleute statt. Diese Vertrauensleute rekrutieren wir u.a. aus Mitarbeitern, die selbst ähnliche traumatische Erfahrungen gemacht haben. Sie kennen die Situation und verfügen dadurch über ein besonderes Einfühlungsvermögen, sie können schnell Vertrauen aufbauen und den Betroffenen auf dessen Wunsch längerfristig begleiten.  Erstbetreuer und Vertrauensleute werden speziell für die psychologische Erste Hilfe geschult. In einem Gespräch wird dann geklärt, ob eine weitere professionelle psychologische Therapie gewünscht wird, die wir über unseren Gesundheitsdienstleister ias  anbieten. Ganz wichtig ist es , auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen einzugehen. Auch bei der Wiedereingliederung nach einer Therapie sind wir sehr flexibel und behandeln jeden Fall ganz individuell.

Was kann ein Unternehmen, dessen Mitarbeiter ein erhöhtes Risiko haben, traumatische Ereignisse zu erleben, im Rahmen der Prävention tun?
Für unsere Triebfahrzeugführer ist der Umgang mit traumatischen Ereignissen Pflichtmodul in der Ausbildung und wird in den regelmäßigen Fortbildungsunterrichten behandelt. Darüberhinaus wird beispielsweise bei der Planung von Eisenbahnanlagen versucht, mögliche „Suizidschwerpunkte“ zu entschärfen.

Ein weiteres Problem für unsere Mitarbeiter stellen Übergriffe von Dritten dar, die in den letzten Jahren vermehrt auftreten. Unsere Mitarbeiter in den Zügen sind zunehmend nicht nur durch verbale Attacken, sondern auch durch körperliche Gewalt bedroht. Hier bieten wir im Rahmen der Präventionsarbeit Deeskalations-Seminare an, bei denen unsere Mitarbeiter lernen, wie sie sich bei Konflikten und Angriffen verhalten können, um sich zu schützen und Situationen zu entschärfen.

Man kennt es aus der eigenen Erfahrung als Bahnkunde: Der Zug ist voll, hat Verspätung, die Fahrgäste sind gereizt – und der Zugbegleiter muss die Nerven bewahren. Wie stärken sie ihre Mitarbeiter dabei, diesen durchaus emotionalen Stress auszuhalten?
Unsere Mitarbeiter agieren und reagieren da selbstverständlich ganz unterschiedlich: Einige schaffen es, durch eine positive Haltung den Druck herauszunehmen, andere fressen den Stress in sich hinein und sind so stärker gefährdet. Zur Unterstützung der Mitarbeiter bieten wir über DB Training Stressmanagement-Seminare an. Darüber hinaus sind vor allem die Teamleiter gefragt. Sie müssen sensibel für emotionale Überforderungen sein und das Gespräch mit ihren Mitarbeitern suchen. Führungskräfte haben eine besondere Rolle und Verantwortung. Diese gilt es zu unterstützen und zu stärken, denn gerade im Umgang mit psychischer Belastung herrscht oftmals noch Unsicherheit. Wie spreche ich offensichtlich psychisch belastete Mitarbeiter an, wo überschreite ich vielleicht meine Grenzen? Hier werden wir in Zukunft gemeinsam mit unserer Führungskräfteentwicklung einen Schwerpunkt setzen.

Zum Schluss eine Vision von Ihnen zum Thema psychische Gesundheit ...
Es gelingt uns, die Rahmenbedingungen im Unternehmen so zu gestalten, dass die Menschen gerne zur Arbeit kommen, weil sie sich in ihrer individuellen Leistungsfähigkeit und ihren individuellen Bedürfnissen angenommen und wertgeschätzt fühlen. Wir sind auf dem Weg dahin!