„Mitarbeitergerechte Führungskultur betrachtet den ganzheitlichen Mensch“

Interview mit Professor Joachim Fischer, Direktor des Mannheimer Instituts für Public Health, Mannheim

Professor Joachim Fischer, Direktor des Mannheimer Instituts für Public Health, Mannheim. ©: Joachim FischerAm Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin (MIPH) forscht und lehrt ein Team aus Wissenschaftlern, Doktoranden und Verwaltungsmitarbeitern unter Leitung des Direktors Professor Joachim Fischer. Wichtigstes Ziel ist die Entwicklung und Implementierung von Strategien zur Erhaltung der Gesundheit und zur Krankheitsprävention in der Gesellschaft. Public Health im biopsychosozialen Kontext steht hier im Mittelpunkt der Forschung.

Ein zentrales Thema ist die gesundheitsgerechte Mitarbeiterführung durch das mittlere Management. Auch wie sich Führungskräfte mit ihrer besonderen Belastung („Sandwichposition“) die eigene psychische Gesundheit langfristig erhalten können, ist eine wichtige Fragestellung. Am MIPH wird erforscht, welche Bedingungen dazu führen, dass Menschen auch bei hohen Anforderungen psychisch gesund bleiben. Eine Erkenntnis besteht darin, dass das Wohlbefinden des Menschen entscheidend ist für seine Motivation und sein Engagement. Das sollten Führungskräfte beherzigen und ein Umfeld schaffen, in dem sich Mitarbeiter wohl fühlen und ihre optimale Leistungskurve erreichen können.

Sie haben vor einigen Jahren das Mannheimer Institut für Public Health aufgebaut. Wie kam es dazu?
Ich bin von Haus aus Arzt und von jeher an Fragestellungen interessiert, wie sich Stress im Beruf auswirkt. An der ETH Zürich fragte ich mich, wie es kommt, dass psychisch belastete Berufsgruppen rascher altern und öfter erkranken, zum Beispiel schneller einen Herzinfarkt bekommen. Und warum andere Menschen, beispielsweise in der Schweiz sehr viel arbeiten und trotzdem in Durchschnitt ein Jahr länger leben als Berufstätige in Deutschland. Ich wollte verstehen, was in den 30 Zentimetern Biologie zwischen Kopf und Herz passiert.

Wie sehen Ihre Erkenntnisse aus?
Interessante Ergebnisse gibt es in der Hirnforschung. Sie hat sich in den letzten Jahren verstärkt mit Gehirnregionen befasst, die für Wohlbefinden zuständig sind. So reagiert das limbische System mit der Freisetzung von Dopamin und anderen Botenstoffen, wenn positive Stimmungslagen aktiviert sind. Dadurch wiederum werden auch andere Gehirnregionen aktiviert, die für Motivation und Engagement sorgen.

Aber wie schafft man es, dass dieses für die Bewertung zuständige System Wohlbefinden identifiziert?
Es ist eine zentrale Aufgabe vorwiegend für Führungskräfte, eine positive Grundstimmung bei den Mitarbeitern zu erzeugen. So spricht man heute von mitarbeiterorientiertem Führungsstil. Ein guter Vorgesetzter schaut genau hin. Er erkennt an, wenn z. B. ein Mitarbeiter eine Aufgabe besonders gut erledigt hat. So kann dieser Erfüllung erleben, Vertrauen und Verantwortung. Das schafft Wohlbefinden und setzt positive Energien frei.

Wenn ich Sie richtig verstehe, sollten Vorgesetzte nicht mit Lob sparen und immer wieder Anlässe suchen, um die Arbeit ihrer Mitarbeiter zu würdigen. Heißt das, Kritik sollte außen vor gelassen werden?
Selbstverständlich gehört zu guter Führung auch Kritik. Diese sollte jedoch wertschätzend und zeitnah erfolgen. Und keinesfalls sollte vor Kollegen kritisiert werden, hier ist in jedem Fall ein Vieraugengespräch vorzuziehen. Denn auch das gute Verhältnis zu den Kollegen und die allgemeine Stimmung im Team sind wichtig für das Wohlbefinden.

Vorgesetzte müssen also wachsam bleiben und immer wieder die Arbeit ihrer Mitarbeiter positiv widerspiegeln, damit diese sich wertgeschätzt und angespornt fühlen. Sind das nicht neben den fachlichen Anforderungen sehr hohe soziale Anforderungen an Führungskräfte? Wie schaffen sie es, dabei selbst psychisch gesund zu bleiben?
Häufig kommt die hohe Belastung des mittleren Managements unter anderem auch dadurch zustande, dass sie ehrgeizige Karrierepläne haben. Das führt dazu, dass sie allen Anforderungen ihres Vorgesetzten gerecht werden wollen und stromlinienförmig im Hierarchiegefüge mitschwimmen. Manche diese Anforderungen führen jedoch zu einem hohem Leistungsdruck, auch innerhalb des Teams und haben negative Folgen. Deshalb kann es hilfreich sein, Profil zu zeigen und sich selbst und sein Team vor Überlastung zu schützen. Das ist jedoch mit einem hohem Maß an Konzentration verbunden: Man muss klar Prioritäten setzen, auslesen, was relevant und was weniger wichtig ist, muss Verantwortung weitergeben können. Und neben fachlicher Kompetenz ist tatsächlich ein hohes Maß an sozialer Kompetenz erforderlich.

Das klingt plausibel, aber wird das in den Unternehmen auch so gelebt?

Vor zehn Jahren war das noch Utopie. Inzwischen werden in vielen Unternehmen jedoch ganzheitliche Gesundheitsprogramme durchgeführt, die diese Softfaktoren thematisieren und sie als lebensnotwendig erachten. Heute ist vielen klar, dass Umorganisationen vorgenommen und die Führungskräfte geschult werden müssen.

Umorganisation in diesem Zusammenhang bedeutet ja häufig „weniger“. Aber können Führungskräfte auch ihre Grenzen eingestehen?
Es geht ja nicht um Vollausstieg. Nur kann man den Trend, mit immer weniger Mitarbeitern immer mehr Leistung erzielen zu wollen, nicht unendlich weitertreiben. Es geht darum, bei jedem die individuelle Leistungskurve zu berücksichtigen, und die ist bei jedem anders. Um eine optimale Leistungskurve zu erreichen, müssen den Mitarbeitern Freiräume eingeräumt werden, wie sie ihre Arbeit organisieren. Das kann für den einen bedeuten, dass er einen Tag pro Woche frei hat, ein anderer fängt vielleicht täglich etwas später an. Wichtig ist, für sich selbst zu lernen, wie man sich für die Arbeit am besten organisiert und seine Räume einteilt. Wohlbefinden kann darüber hinaus durch viele kleine Stellschrauben erreicht werden: im privaten Bereich, durch Änderungen bei der Ernährung, durch mehr Sport. Dadurch wird man befähigt, auf höherem Niveau Leistung zu bringen.

Eine abschließende Frage: Was ist für Sie die Führungskultur der Zukunft?
Natürlich muss man im Unternehmen immer die schwarzen Zahlen im Blick behalten. Aber das ist nicht der einzige Gradmesser – es geht gleichzeitig auch um Arbeitsfreude und Gesundheit. Wissen Sie, im Grunde ist es wie mit einem Garten. Hier frage ich mich: Wie kümmere ich mich so um meinen Garten, dass er viele Früchte trägt? Ich kann nicht immer nur ernten, sondern ich muss vorher schauen, dass jede Pflanze genügend Pflege erhält: Dass Sie genügend Nährstoffe und Wasser bekommt, dass sie einer anderen nicht im Weg steht, dass sie es hell genug hat. Und nur, wenn ich alles bedacht habe, werde ich auch gute Früchte ernten können.