Frühzeitig vorbeugen – damit der Stress nicht die Oberhand gewinnt

Interview mit Dr. Thomas Böhle, Personal- und Organisationsreferent der Stadt München

Bei der Straßenreinigung, im Sozialbürgerhaus, in der Kita: Die Anforderungen an Beschäftigte sind in den vergangenen Jahren enorm gestiegen. Der tägliche Arbeitsdruck nimmt zu, Multitasking ist bei den verschiedensten Tätigkeiten gefragt. Umso wichtiger, dass alle Beschäftigten gesund und motiviert bleiben. Für ihre mehr als 32.000 Beschäftigten an über 700 Standorten hat die Stadt München – die größte Kommunalverwaltung deutschlandweit – ein Betriebliches Gesundheitsmanagement entwickelt, das flächendeckend greift. Das Erfolgsrezept: Präventionsmaßnahmen für alle Beschäftigten und besonders für die Führungskräfte.

Die Zahl der psychisch bedingten Krankheitsfälle steigt stetig. Beobachten Sie diese Tendenz auch in Ihrer Behörde?
Der bundesweite Trend spiegelt sich auch bei den städtischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wider. Die Auswertungen der letzten vier Jahre zeigen eine kontinuierliche Zunahme der psychischen Erkrankungen. Darauf reagieren wir. Der erste Schritt ist, offen darüber zu sprechen. Ich denke, wir sind in München auf einem guten Weg, mit psychischen Erkrankungen offen umzugehen. Wir sensibilisieren unsere Beschäftigten und Führungskräfte, um damit eine Enttabuisierung psychischer Erkrankungen zu erreichen. Darüber hinaus führen wir spezielle Aktionstage durch und unterhalten eine stadtinterne psychosoziale Beratungsstelle.

Das tägliche Arbeitspensum nimmt in vielen Bereichen deutlich zu. In welchen Arbeitsbereichen beobachten Sie gehäuft psychische Probleme?
Wir beobachten, dass im Arbeiterbereich – vorwiegend bei den Straßenreinigern und den Abfallbeseitigern – die Arbeitsunfähigkeits-Tage aufgrund psychischer Erkrankungen weit höher sind als der Durchschnitt in der Stadtverwaltung.
Viele Ursachen kennen wir – nicht nur, weil mittlerweile psychische Erkrankungen besser diagnostiziert werden können, sondern weil wir diese durch Mitarbeiterbefragungen erheben und mithilfe von Gesundheitszirkeln analysieren. Die Straßenreiniger wurden z. B. gefragt, welche Faktoren den Arbeitsalltag erschweren. Als wesentlicher Stressfaktor wurde der frühe Arbeitsbeginn genannt. Hier versuchen wir in einem Testlauf herauszufinden, ob die Stadt genauso sauber bleiben kann, wenn die erste Schicht der Arbeiter statt um vier Uhr morgens erst um fünf ausrückt und damit eine Stunde länger schlafen kann. Ein weiteres Beispiel: In unseren Sozialbürgerhäusern dürfen nunmehr verstärkt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf Sachbearbeiter-Ebene Unterschriften leisten, damit Vorgänge schneller über die Bühne gehen. Außerdem steigt die Arbeitszufriedenheit, wenn man die Fälle in Eigenverantwortung bearbeiten kann. Oder: In Zeiten hohen Aufgabendrucks steigt die Gefahr von Konflikten. Hier versucht die Zentrale Stelle für Mediation und Kon?iktmanagement, schnellstmöglich bei einer Lösung zu unterstützen.


Was macht Ihr Betriebliches Gesundheitsmanagement so erfolgreich?
Im Mittelpunkt unseres BGM steht die Verhältnisprävention, d. h. es geht darum, die Arbeitsbedingungen und Strukturen möglichst gesundheitsfördernd zu gestalten. Zunächst gibt es eine Bedarfserhebung, bei der u. a. über Mitarbeiterbefragungen diverse Indikatoren ermittelt werden von Fehlzeiten bis hin zu möglichen Konflikten. Ziel ist herauszufinden, wo der Schuh drückt, um gezielt gegensteuern zu können. Denn meistens liegen die Ursachen für Stress in einem nicht optimalen Miteinander oder in der Arbeitsorganisation. Oft helfen schon kleine Maßnahmen, die die Arbeitsabläufe optimieren. So können z.B. Headsets die Arbeit zwischen Telefon, Akten und „Kunden“ erleichtern. Wir setzen vor allem auf Gesundheitszirkel in unseren Verwaltungsbereichen, die von einer Projektleitung bzw. einem Gesundheitskoordinator gemanagt werden, je nach Bedarf dauert dieser Prozess Monate oder ist fortlaufend. In den Gesundheitszirkeln sind alle wichtigen Parteien vertreten – die Beschäftigten, der Personalrat etc. Wir begleiten den Prozess auch mit interner Öffentlichkeitsarbeit, um eine hohe Beteiligung zu erreichen.


Was ist dabei die besondere Herausforderung?
Das ist ganz klar die flächendeckende Verankerung von Gesundheitsmanagement im „Großkonzern“ München. Wichtig ist der Aufbau von dezentralem Know-how vor Ort in den Referaten und Eigenbetrieben. Aus diesem Grund haben wir ein Qualifizierungskonzept für die Ausbildung dezentraler „Koordinatorinnen und Koordinatoren für Arbeitsschutz- und Gesundheitsmanagement“ erarbeitet. Stadtweit nahmen bislang 37 der in den Referaten und Eigenbetrieben zuständigen Personen teil. Diese sollen vor Ort als kompetente Ansprechpartner und Ratgeber, aber auch als Projektverantwortliche in BGM-Projekten fungieren.


Was tun Sie in Sachen Prävention, um zu große psychische Belastungen bzw. psychische Erkrankungen gar nicht erst entstehen zu lassen? Gesundheitsförderliche Strukturen und Rahmenbedingungen sind unsere primären Ziele. Dies erreichen wir mit vielfältigen Maßnahmen, die von der Optimierung arbeitsorganisatorischer Abläufe bis hin zu ?exiblen Arbeitszeiten reichen. Wichtig ist uns dabei die Meinung unserer Beschäftigten als Experten für ihren ganz konkreten Arbeitsplatz. Über die Mitarbeiterbefragungen und Gesundheitszirkel erfahren wir, welche Faktoren den Alltag erschweren. Um psychische Fehlbelastungen bereits von vornherein zu vermeiden beziehungsweise frühzeitig zu erkennen, nutzen wir die Gefährdungsbeurteilung. Eine der Erfassungsmethoden ist ein standardisierter Fragebogen, eine Kombination aus dem Work-Ability-Index (WAI) und dem Kurzfragebogen zur Arbeitsanalyse (KFZA). So können wir u. a. belegen, dass die Arbeitsfähigkeit in engem Zusammenhang mit dem erlebten Führungsverhalten steht. Die Personen, die sich auf ihre Vorgesetzten verlassen können oder wertschätzende Rückmeldung zur Qualität ihrer Arbeit erhalten, weisen einen deutlich höheren Arbeitsfähigkeitswert auf als diejenigen, die dies nicht so erleben.


Was kann aus Ihrer Sicht eine kleine oder mittlere Behörde vom Ge-
sundheitsmanagement in der Stadtverwaltung München „lernen“?

Empfehlenswert – gerade bei der Einführung eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements – ist die Kooperation mit externen Kosten- und Know-how-Trägern wie Krankenkassen oder Unfallversicherungsträgern. Damit haben wir in München sehr positive Erfahrungen gemacht. Wichtig ist auch, mit Pilotprojekten zu beginnen, und zwar in Organisationseinheiten, bei denen die Auswertung bereits vorhandener Informationen und Daten besonderen
Handlungsbedarf vermuten lässt. Über ein erfolgreiches Pilotprojekt kann Akzeptanz geschaffen und Interesse geweckt werden. Ganz wichtig ist, dass die
Führungsebene die Aufgabe ernst nimmt und zu einer „Herzensangelegenheit“ macht.