Qigong am Morgen auf dem Rathausdach

Interview mit Diethelm Müller, Koordinator des Betrieblichen Gesundheitsmanagements ArGuS, Stadt Wolfsburg

Von wegen eine ruhige Kugel schieben: Psychische Fehlbelastungen stehen nicht nur in Unternehmen zunehmend im Fokus der Aufmerksamkeit des Gesundheitsmanagements. Auch der Öffentliche Dienst verzeichnet einen Wandel der Arbeitswelt mit den entsprechenden Auswirkungen für die psychische Gesundheit der Beschäftigten. So fördern Arbeitsverdichtung und eine zunehmende Dienstleistungs- und Zielorientierung in den öffentlichen Verwaltungen in verstärktem Maße Leistungsdruck und Stress. Kommen dazu noch unbewältigte Konflikte – mit den Kollegen im Team, den Vorgesetzten oder den „Kunden“, kann das zu einer echten psychischen Belastung werden. Die Stadt Wolfsburg ist einer der deutschlandweiten Vorreiter, wenn es um Gesundheitsprävention im öffentlichen Dienst geht. Das Betriebliche Gesundheitsmanagement der Stadt, genannt ArGuS, fördert die Gesundheit von 2.200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in der Stadtverwaltung und 157 Auszubildenden – mit einer Vielzahl erfolgreicher und innovativer Maßnahmen. Der Zulauf ist groß: Im Jahr 2010 nahm rund ein Drittel der Beschäftigten das Gesundheitsangebot wahr.

Als Koordinator des Betrieblichen Gesundheitsmanagements fungieren Sie als Seismograf für Entwicklungen: Nehmen psychische Fehlbelastungen von Mitarbeitern im öffentlichen Dienst zu?
Uns liegen dazu keine genauen Zahlen vor, aber nach meinem eigenen Eindruck, auch aus zahlreichen Gesprächen mit Mitarbeitern, Kollegen und Führungskräften, gibt es definitiv in den letzten Jahren eine spürbare Zunahme von psychischen Erkrankungen und Belastungen, und zwar über alle Arbeitsbereiche und Hierarchieebenen hinweg.

Was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen?
Generell ist die Beschleunigung der Arbeit auch in der öffentlichen Verwaltung spürbar. Mitarbeiter stehen unter einem größeren Zeitdruck: Sie müssen immer mehr Informationen aufnehmen und verarbeiten in immer kürzerer Zeit. Die Schlagzahl hat sich einfach erhöht. Hinzu kommen Zielverein barungen, die die Beschäftigten unter einen gewissen Ergebnisdruck stellen. Teamarbeit wird groß geschrieben, aber nicht alle Mitarbeiter kommen damit trotz Unterstützung klar oder haben gelernt, gut damit umzugehen. Dadurch können Konflikte und Reibungen entstehen, die psychisch belasten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Selbstverständnis und die Arbeitsweise in der öffentlichen Verwaltung deutlich verändern. Öffentliche Verwaltungen verstehen sich zunehmend als Dienstleistungsunternehmen mit dem entsprechenden Dienstleistungsverständnis. Bürgerinnen und Bürger sind unsere „Kunden“ – und sie haben natürlich den Anspruch, dass ihre Anfragen und Anliegen schnell und gut bearbeitet werden.

Und werden die Ansprüche der Bürgerinnen und Bürger nicht eingelöst, kann es zu Frust, Konflikten und negativen Gefühlen auf beiden Seiten kommen …
Ja, vor allem müssen wir als öffentliches Unternehmen auch Produkte und Leistungen verkaufen, die niemand möchte, zum Beispiel Ordnungswidrigkeiten ahnden oder Sicherheitsauflagen bestimmen. Wer freut sich schon über einen Strafzettel? Viele unserer Mitarbeiter, die im „Kundenkontakt“ tätig sind, haben Probleme, diese oftmals vehementen negativen Reaktionen auszuhalten. Auf Dauer erzeugt dies einen starken psychischen Druck. Wir unterstützen unsere Mitarbeiter im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements mit speziellen Workshops oder Coaching, in denen der Umgang mit schwierigen Kunden trainiert wird.

Und wie unterstützen Sie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Konflikten in den Teams?
Unser Gesundheits-Qualifikationsprogramm umfasst selbstverständlich auch Angebote zu Konflikthandling und Mobbing. Außerdem gibt es bei uns Dienstvereinbarungen zum Umgang mit Konflikten. Diese regeln für alle verbindlich das Vorgehen und die Ansprechpartner in Konfliktsituationen. In der Regel landen Konfliktfälle beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement oder bei Personalräten. Sie werden durch die Mitarbeiter oder die Führungskräfte eingebracht und hier besprochen. Unsere Sozialberatung bietet dann für die konkreten Fälle z.B. Konfliktlösungsworkshops oder Klärungsgespräche an – gegebenenfalls auch mit externen Coaches. Bei längeren und schwierigen Konflikten können betroffene Mitarbeiter auch ein individuelles Coaching erhalten.

ArGuS bei der Stadt Wolfsburg zeichnet sich dadurch aus, dass das Betriebliche Gesundheitsmanagement und der Arbeitsschutz eng zusammenarbeiten. Das ist eher ungewöhnlich in der öffentlichen Verwaltung. Ein Erfolgsrezept?
Ja, ich glaube, unser interdisziplinärer Ansatz macht einen großen Teil des Erfolges aus. Außerdem haben wir große Unterstützung durch Personalräte und von „ganz oben“. So hat unser Oberbürgermeister den Vorsitz des ArGuS-Steuerkreises, der viermal jährlich tagt und die zentralen Leitlinien unseres BGM festlegt. Vor circa drei Jahren haben wir begonnen, uns speziell mit dem Thema psychische Gesundheit zu befassen: Wie kann es erfasst und beurteilt werden? Welche Maßnahmen sind denkbar? Seit einem Jahr erfassen wir durch das Betriebliche Gesundheitsmanagement systematisch die psychischen Belastungen in der Stadtverwaltung im Rahmen der Gefährdungsbeurteilungen.

Was sind die Ergebnisse?
Das am häufigsten genannte Problem sind unklare Zuständigkeiten. Unsere Mitarbeiter wünschen sich am meisten einen besseren Informationsfluss und mehr zeitliche Flexibilität. Darauf haben wir reagiert und zum Beispiel die Arbeitszeit noch flexibler gestaltet: Bei uns ist jede Form der Teilzeit möglich. Es gibt zudem eine Vertrauensarbeitszeit und keine Zeiterfassung.

Welche konkreten Hilfestellungen bieten Sie Mitarbeitenden an, die unter erhöhtem Stress leiden bzw. wie machen Sie sie fit für die täglichen Belastungen?
Unser internes Qualifikationsprogramm umfasst viele unterschiedliche Angebote, u. a. Seminare zu psychischen Belastungen, Kommunikationstrainings sowie Kurse zur Persönlichkeitsentwicklung. Die Gesundheitsförderung reicht von Qigong am Morgen auf dem Rathausdach über Bürogymnastik in der Mittagspause bis hin zu unserer regelmäßigen Informationsveranstaltung „ArgGuS-Freitag“, die einmal im Monat rund um das Thema Gesundheit statt?ndet und die jeder Mitarbeiter ohne Erlaubnis besuchen kann. Dieses Instrument gibt uns die Möglichkeit, auch kurzfristig Themen aufzugreifen.

Ein kurzer Ausblick: Was ist aus Ihrer Perspektive die Herausforderung der Zukunft?
Der demografische Wandel: Zum einen müssen wir auf eine älter werdende Belegschaft reagieren mit einer Personalpolitik, die sich an den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen in den unterschiedlichen Lebensphasen ausrichtet. Zum anderen gilt es, die Vereinbarkeit von Beruf und P?ege älterer Angehöriger zu fördern. Wir bieten zum Beispiel seit Kurzem einen Gesprächskreis für Mitarbeiter an, die Angehörige pflegen und dadurch stark belastet sind. Der Gesprächs- und Unterstützungs bedarf ist enorm.