Dezentrale Strukturen als Herausforderung

Interview mit Roland Kraemer, Leiter Gesundheitsmanagement REWE Group, Köln
 
 

Supermärkte, Touristikunternehmen, Baumärkte – unter dem Dach der REWE Group finden sich ganz verschiedene Geschäftsbereiche wieder. Im Unternehmen arbeiten derzeit knapp 230.000 Mitarbeiter. So verschieden wie die einzelnen Teile des Konzerns sind, so unterschiedlich sieht auch der Berufsalltag für die Mitarbeitenden des 1927 als Genossenschaft in Köln gegründeten Unternehmens aus. Die REWE Group setzt seit mehreren Jahren auf das Thema Nachhaltigkeit und schreibt in diesem Zusammenhang auch die Mitarbeitergesundheit groß. Für die Umsetzung eines ganzheitlichen Programms zur Mitarbeitergesundheit entwickelte das Unternehmen unter anderem eine Toolbox mit dem Titel „Gesundheitskompetenz im Markt“ (GesiMa) zur Gesundheitsförderung für Führungskräfte. Für das besondere Engagement im Bereich Gesundheit und Arbeitsschutz wurde die REWE Group 2010, 2011 und 2013 von der Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution (BGHW) mit dem Präventionspreis ausgezeichnet.

 

Sie haben 2011 das Projekt „Gesundheitskompetenz im Markt“ (GesiMa) umgesetzt. Was waren Ziele und Maßnahmen dieses Projektes?

Zusammen mit unserem Projektpartner, dem Institut für gesundheitliche Prävention (IFGP), haben wir im Rahmen eines vom Bundesarbeitsministerium geförderten Projektes die Toolbox GesiMa für unsere Führungskräfte vor Ort im Markt entwickelt. Sie ist speziell auf unsere dezentrale Unternehmensstruktur angepasst. Die Idee, die dahinter steckt: Wir möchten unsere Mitarbeitenden und Führungskräfte stärken, damit sie potenziellen psychischen und physischen Erkrankungen etwas entgegensetzen können, sie sollen ihre Gesundheit selbst im Blick behalten können und möglichst präventiv etwas für die eigene Gesundheit tun. Was wir bieten ist Hilfe zur Selbsthilfe. Im Rahmen von GesiMa haben wir unterschiedliche Gesundheitsthemen angepackt und sie Quartalen zugeordnet. In jedem Quartal wurden dann die Themen mit entsprechend dazu entwickelten Medien behandelt. Ein Beispiel dafür: der Stresswürfel. Der kleine gefaltete Papierwürfel steht zum Beispiel im Pausenraum oder in der Verwaltung auf dem Schreibtisch und bietet den Mitarbeitenden in aktuellen Stresssituationen direkt praktische Tipps zum Abschalten. Diese Materialien haben in den Märkten definitiv Diskussionen über psychische Gesundheit angeregt.

 

Die REWE Group ist dezentral organisiert. Wie schaffen Sie es, das Thema psychische Gesundheit an allen Standorten zu verankern?

Unsere Herausforderung sind unsere mehr als 10.000 Standorte. Natürlich ist es ein Unterschied, ob wir Programme zur psychischen Gesundheit in unserer Zentrale umsetzen oder uns an jeden einzelnen noch so kleinen Standort wenden. Ein Mittelständler betreibt einige wenige Märkte. Das sind ganz andere Dimensionen. Deshalb haben wir verschiedene Ansätze entwickelt. Zunächst arbeiten wir auf verschiedenen Ebenen. Wir versuchen, die Betriebsleiter bzw. Marktverantwortlichen ins Boot zu holen. Aber wir wenden uns auch direkt an die Mitarbeitenden vor Ort: Zum Beispiel durch Beilagen bei den Gehaltszetteln, die an alle verschickt werden. Auf diese Weise haben wir auf das Thema Krebsvorsorge und Diabetes aufmerksam gemacht. Wichtig ist für uns der Schulterschluss mit der Unternehmenskommunikation, denn man kann Beschäftigte ja auch über Online-Medien oder einen Newsletter erreichen. Da haben wir auch in Zukunft noch viel vor.

 

In welche Stresssituation können Mitarbeitende z.B. in Super- oder Baumärkte geraten?

Da gibt es viele verschiedene Szenarien. Wenn sich zum Beispiel Kunden plötzlich beleidigend und wenig wertschätzend verhalten oder an der Kasse ein System ausfällt. Und es gibt natürlich Extremsituationen wie Aggressivität, Gewalt oder Raubüberfälle. Das kommt zum Glück nur selten vor. Damit unsere Mitarbeitenden aber trotzdem auf alle Eventualitäten vorbereitet sind, setzen wir bei unserem Gesundheitsmanagement auf Prävention. Das richtige Verhalten in solchen Situationen wird beispielsweise in eigens entwickelten Materialen beschrieben. Außerdem halten wir in Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaft akute Nachsorge-Angebote bereit und vermitteln auf Wunsch den Kontakt zu passenden Therapeuten. Und auch unsere Führungskräfte werden regelmäßig geschult.

 

Welche Regelungen haben Sie entwickelt, um Ihre Mitarbeitenden vor zu großen Belastungen zu schützen?

Hier sehen wir viele Möglichkeiten, die teilweise noch gar nicht ausgeschöpft sind. Wir haben gemerkt, dass wir zum Beispiel mit Hilfe von flexiblen Arbeitszeitregelungen vielen Mitarbeitenden entgegenkommen können. Gerade Familien können so entlastet werden. Das erfordert natürlich Kommunikation zwischen Mitarbeitenden und Führungskräften – und da gibt es Unterschiede von Standort zu Standort. Man kann es sich natürlich leicht machen, wenn man einen starren Schichtplan erstellt, an den sich alle halten müssen. Die flexible Organisation der Arbeitszeit aber birgt im Vergleich viele Vorteile und sie bindet gut ausgebildete Beschäftigte ans Unternehmen. Entscheiden sich bei uns Mitarbeitende gezielt für eine Spätschicht, z.B. bis 24 Uhr, dann gibt es in der Regel einen Sicherheitsdienst, der sie nach Ladenschluss z.B. zur U-Bahn begleitet. Unsere Maßnahmen zahlen sich aus: Motivation und Zufriedenheit steigen und wir verzeichnen eine geringe Fluktuation.

 

Sie sagen, Ihre Führungskräfte sind auch auf das Thema psychische Gesundheit vorbereitet. Wie sieht die Ausbildung der Führungskräfte aus?

Wir bei der REWE Group setzen auf eine sehr umfängliche Personalentwicklung. Ein wichtiger Teil unserer Ausbildung für Führungskräfte sind Seminare, auch zum Thema gesundes Führen. Dazu gehört auch die psychische Gesundheit. Unser Augenmerk liegt dabei nicht nur auf der Weiterbildung bereits erfahrener Führungskräfte, sondern auch auf der Ausbildung des Nachwuchses. Deshalb haben wir Themen aus dem Gesundheitsmanagement in unserem mehrmonatigen Ausbildungsprogramm als Bestandteil verankert. Unter dem Aspekt „Verantwortung“ liegt ein Schwerpunkt liegt darin, die Führungskräfte zu fördern, damit sie die psychische Gesundheit ihrer Teams im Blick behalten. Aber auch die eigene psychische Gesundheit der Führungskräfte spielt bei unserer Ausbildung eine wichtige Rolle. Denn gerade Führungskräfte stehen oft unter großem Druck. Darüber hinaus qualifizieren wir in einem neuen Projekt zur lebensphasenorientierten Selbsthilfe Multiplikatoren, an die sich die Beschäftigten in schwierigen Situationen wenden können. Diese Multiplikatoren sind überwiegend freigestellte Betriebsräte, Schwerbehindertenvertreter oder Personalreferenten aber auch unsere internen Präventionsberater aus dem Gesundheitsmanagement.

 

Was würden Sie anderen Unternehmen empfehlen?

Es geht darum, möglichst pragmatisch und einfach zu denken. Beziehen Sie Ihre Mitarbeitenden in die Prozesse ein, die Sie angehen wollen. Ihre Mitarbeiter wissen, an welchen Stellen angepackt werden kann. Lassen Sie sich von den bereits existierenden Modellen zur psychischen Gesundheit inspirieren aber nicht verwirren und entwickeln Sie daraus Ihre eigenen Lösungen für Ihr Unternehmen. Informationen gibt es reichlich, wichtig ist es, diese für die eigene Situation passend zu machen.