„Jeder Beschäftigte geht individuell mit Aufgaben und Herausforderungen um“

Interview mit Hubert Henkemeier, Leiter Arbeitsschutz bei real,- unter Mitwirkung von Rüdiger Holtz, leitender Betriebsarzt und Geschäftsführer der Gesellschaft für Arbeitsmedizin (GESA) und Sarah Wulfert, die als Arbeits- und Organisationspsychologin für die GESA arbeitet.
 
 

Unter dem Dach der METRO GROUP führt die real,- SB-Warenhaus GmbH in Deutschland mehr als 300 SB-Warenhäuser und beschäftigt rund 40.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Firmensitz der real,- SB-Warenhaus GmbH befindet sich in Mönchengladbach. real,- hat sich auf den Lebensmittel-Einzelhandel spezialisiert und vertreibt darüber hinaus Elektroartikel, Haushaltswaren, Bücher, Textilen und Schreibwaren.

Welche Rolle spielen Stress und psychische Belastungen im Arbeitsalltag bei real,-?

Hubert Henkemeier: Uns ist es wichtig, die Belastungsfaktoren unserer Beschäftigten im Arbeitsalltag zu erkennen und praktische Maßnahmen zur Entlastung zu entwickeln. Ein Beispiel dafür ist unser Umgang mit Beschäftigten, die etwas Traumatisches erlebt haben. 2003 haben wir mit der Berufsgenossenschaft Handel und Warendistribution (BGHW) ein Verfahren zur Betreuung von Beschäftigten nach Raubüberfällen eingeführt. Jeder Beschäftigte wird nach einem Raubüberfall innerhalb kürzester Zeit von unserem Betriebsarzt angesprochen. Im Rahmen dieses Kontaktes klären die Beschäftigten unseres Betriebsarztes, ob eine psychologische Betreuung erforderlich ist und vermittelt diese bei Bedarf sehr kurzfristig über einen Dienst der BGHW. Wir haben dieses Verfahren in Zusammenarbeit mit der BGHW ständig weiter entwickelt, um auch auf andere traumatische Erlebnisse vorbereitet zu sein und gezielt Hilfe anbieten zu können.

Sarah Wulfert: Für Außenstehende oft schwer vorstellbar: Auch Arbeitsmittel können zu einer psychischen Belastung für Beschäftigte werden. Die hauptamtlichen Fachkräfte für Arbeitssicherheit haben festgestellt, dass im Lager nach einer Materialänderung eine zu dünne Folienrolle für das Verpacken von Paletten verwendet wurde. Das hatte zur Folge, dass die Beschäftigten wesentlich mehr Aufwand für den Verpackungsvorgang investieren mussten. Gerade solche Vorgänge verursachen Belastungen und Stress bei den Beschäftigten. Die Lösung war in diesem Fall einfach: Wir haben eine andere Folienrolle angeschafft, was die Arbeit um einiges erleichtert hat.

 

Sehr häufig taucht die Frage auf, inwieweit der private Lebensbereich zum betrieblichen Arbeitsschutz dazugehört.

Sarah Wulfert: Der Bezugspunkt beim betrieblichen Arbeitsschutz ist immer die Arbeitswelt. Die Trennung zwischen Arbeits-und Privatbelastungen bleibt aber eine künstliche. Wenn ein Mitarbeiter eine Scheidung durchlebt, nimmt er das sicher auch mit zur Arbeit und ein Streit mit dem Chef wirkt sich auch zu Hause noch aus. Hier eine scharfe Trennung der Belastungen zu machen, ist nicht nur unmöglich sondern auch unsinnig. Wichtig ist, dass wir nur den Arbeitsplatz beeinflussen dürfen und gerade bei der Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen sollte es auch nur um den Arbeitsplatz gehen.

 

Welche psychischen Belastungen spielen in Ihrem Unternehmen eine wesentliche Rolle?

Hubert Henkemeier: Jeder Beschäftigte geht individuell mit Aufgaben und Herausforderungen um. Dieses unterschiedliche Verhalten bei Stress zeigt sich beispielhaft in einer leider nicht so seltenen Situation im Markt. Der Umgang mit Kunden, die Beschäftigte beschimpfen oder beleidigen, kann eine enorme psychische Belastung darstellen. Das gilt besonders dann, wenn der Beschäftigte den Stress nahe an sich heranlässt und im schlimmsten Fall die Beleidigungen des Kunden als persönlichen Angriff interpretiert. Es gibt allerdings auch Beschäftigte, die es als persönliche Herausforderung betrachten, auch schwierige Kunden in ihrer emotionalen Erregtheit wieder einzufangen.

 

Mit welchen Maßnahmen unterstützen Sie Ihre Beschäftigten im Bereich psychische Gesundheit?

Hubert Henkemeier: Wir setzen uns bereits seit mehreren Jahren, gemeinsam mit unserem Betriebsarzt, eingehend mit den unterschiedlichen Anforderungen an unsere Arbeitsplätze auseinander. Auch im Rahmen eines Personalprojektes haben wir 2010 bereits eine erste Arbeitsplatzanalyse in einem ausgewählten real,-Markt durchgeführt. Dies führte zu spannenden Ergebnissen, zum Beispiel bei zwei ähnlich gelagerten Abteilungen. Wir konnten durch den Vergleich nachweisen, dass Beschäftigte mit ihren täglichen Belastungen am Arbeitsplatz dann gut umgehen können, wenn ihre Führungskräfte Probleme offen ansprachen und diese mit dem Team klärten. Diese Ergebnisse kann man nicht auf das ganze Unternehmen übertragen, weil nur ein einzelner Markt untersucht wurde. Für die Zukunft wollen wir deshalb unsere Analysen fortsetzen, um psychische Belastungen im Unternehmen zu erkennen und erforderliche Maßnahmen zu ergreifen.

Genau darum geht es bei unserem neuen, gemeinsamen Projekt mit der BGHW, Psychologen der Technischen Universität Dresden und der Gesellschaft für gute Arbeit. Schwerpunkt des Projektes ist die Gefährdungsbeurteilung von Arbeitsplätzen im Hinblick auf die alternde Belegschaft. Dabei liegt der Fokus auf den psychischen Belastungen der Beschäftigten. Wir wollen als Einzelhandelsunternehmen gemeinsam mit der BGHW Antworten finden, die zu uns passen und die eventuell auch auf die gesamte Branche übertragbar sind.

Neben diesen Projekten bieten wir bereits heute konkrete Unterstützung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Form von speziellen Qualifizierungsbausteinen, zum Beispiel zu Themen wie „Einfach mal durchatmen“ oder „Fit für den Alltag“.

 

Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie aus Ihren bisherigen Erfahrungen mit Blick auf die Zukunft?

Rüdiger Holtz: Wir blicken auf die Arbeitsplätze und hoffen, Abläufe und Prozesse so umzugestalten, dass Belastungen reduziert werden. Ich halte es schon jetzt für den größten Erfolg, dass sich real,- als Unternehmen traut, das Thema psychische Belastungen überhaupt anzusprechen und auf die Agenda zu setzen. Man bringt dem Beschäftigten ein großes Stück Wertschätzung entgegen, wenn man zugibt, dass psychische Gefährdungen in der Arbeitswelt existieren und dass es dem Unternehmen wichtig ist, diese aufzudecken.