„Engagement für psychische Gesundheit ist immer auch Teil der Unternehmenskultur"

Interview mit Hans-Peter Flinks, Geschäftsführer Lueb + Wolters, Leiter Personal/Rechnungswesen und Heike Fuhrmann, Assistentin der Geschäftsleitung und Gesundheitsmanagerin bei Lueb + Wolters.
 
 

 

 

Lueb + Wolters ist ein mittelständisches Familienunternehmen mit Sitz im westfälischen Borken. Das 1899 gegründete Unternehmen vereint verschiedene Geschäftsbereiche: ein Bau-Fachzentrum, eine Fachabteilung für Objekttüren und einen OBI-Baumarkt. Das Unternehmen beschäftigt 140 Mitarbeitende.

 

Wie unterstützen Sie ihre Beschäftigten im Bereich psychische Gesundheit?

Wir bauen auf zwei wichtige Grundvoraussetzungen. Die erste ist, dass der oder die Beschäftigte sich bei starker psychische Belastung öffnet und bereit ist, die Probleme zu analysieren und anzugehen. Das setzt gegenseitiges Vertrauen und Verständnis voraus. Die zweite Voraussetzung lautet, dass unsere Führungskräfte mit offenen Augen und Ohren die Sorgen ihrer Beschäftigten wahrnehmen und bei Bedarf Hilfe anbieten. Hier ist Empathie gefordert. Nur wenn beide Voraussetzungen erfüllt sind, können wir als Unternehmen aktiv und erfolgreich Hilfe leisten.

Wir haben bislang in verschiedenen Problemlagen Beschäftigen Hilfe angeboten, zum Beispiel bei Suchterkrankungen, Stress und in konkreten Überforderungssituationen. Dabei hilft uns unser arbeitsmedizinischer Dienst. Um regelmäßig mehr über das Befinden der Beschäftigten zu erfahren, führen wir halbjährlich Mitarbeitergespräche durch. Darüber hinaus hat Frau Fuhrmann in diesem Jahr eine Ausbildung zur Betrieblichen Gesundheitsmanagerin absolviert und wird das Betriebliche Gesundheitsmanagement (BGM) in unserem Unternehmen aufbauen. In diesem Rahmen soll es einen Arbeitskreis Gesundheit geben, in dem dann Hearings mit Vertretern der einzelnen Geschäftsbereiche stattfinden. Wir wollen uns damit einen Überblick verschaffen, wie es um die körperlichen Belastungen und die psychische Gesundheit in den einzelnen Unternehmensteilen bestellt ist. Als zweite Maßnahme wollen wir einen Gesundheitszirkel ins Leben rufen. Dort werden dann Programme zur Gesundheitsförderung geplant, zum Beispiel Entspannungskurse, Rückentraining, Ernährungsberatung und Sportkurse. All diese Maßnahmen stehen unter unserem Motto „Arbeiten und Leben im Gleichgewicht.“

 

Welche Erfahrungen haben Sie in Ihrem Unternehmen mit Stress und Belastung gemacht?

Wir beobachten diese Entwicklungen aufmerksam. Wir sind aber noch zu keinem klaren Ergebnis gekommen – bislang haben wir den Eindruck, dass viele Belastungen nicht ausschließlich am Arbeitsplatz entstehen. sondern auch aus dem privaten Umfeld kommen. Umgekehrt beeinträchtigt psychische Überbelastung am Arbeitsplatz das Familienleben. Letztlich haben wir drei Belastungsfaktoren in unserem Unternehmen identifiziert: Zeit- und Termindruck, Überbelastung durch saisonal bedingte Geschäftsschwankungen und abteilungsbedingte Belastungen. Da wäre zum Beispiel die Arbeit im Außendienst, wie sie bei unseren Bauleitern der Objekttürenabteilung und unseren Vertriebsmitarbeitern in der Holz- und Baustoffabteilung vorkommt. Manche Beschäftigte geraten unter enormen Druck, wenn sie Liefer- oder Fertigstellungstermine einhalten müssen oder ihre auswärtigen Kunden rechtzeitig erreichen wollen. Für die Beschäftigten im Baumarkt können die langen Öffnungszeiten von 8 bis 20 Uhr einen Belastungsfaktor darstellen, wie auch die Schichtarbeit bei unseren Fahrern und Lagermitarbeitern.

Es gibt aber auch ganz andere, nämlich zwischenmenschliche Stressfaktoren. Soziale Probleme zwischen den Beschäftigten können sich zu einer Belastung für ganze Abteilungen, ja für das ganze Unternehmen entwickeln. Als kleineres mittelständisches Unternehmen ist es in solchen Situationen nicht immer leicht, die richtige Lösung zu finden. Es fehlt schlichtweg an Know-how und Erfahrung. Bei einem konkreten Fall haben wir uns an einen externen Mediator gewandt, konnten den Konflikt aber trotzdem nicht langfristig auflösen. Wir wollen deshalb bei solchen Konflikten in Zukunft noch bessere Ansätze und Strategien entwickeln und externe Schulungs- und Weiterbildungsangebote gern annehmen.


Wie erhalten Sie die Motivation Ihrer Beschäftigten?

Um Beschäftigte zu motivieren, gibt es kein Patentrezept, weil jeder Beschäftigte individuelle Bedürfnisse hat. Man kann aber mehrere Punkte identifizieren, auf die wir als Unternehmen Wert legen. Zum einen möchten wir durch das verstärkte Engagement in Sachen Gesundheit unseren Beschäftigten Wertschätzung entgegenbringen. Das ist für viele ein Motivationsfaktor. Zum anderen ermutigen wir unsere Beschäftigten, sich eigene gesundheitliche Ziele zu setzen. Dazu werden wir mit der Einführung des BGM über die Gestaltung eines gesunden Arbeitsplatzes hinaus verschiedene Anreize schaffen. Uns ist wichtig, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu gewährleisten. Deshalb schaffen wir schon seit längerer Zeit günstige Arbeitsbedingungen für Eltern. Es gibt oft die Möglichkeit, nach einer Elternzeit wieder in Vollzeit oder aber in Teilzeit zu arbeiten. Während der Elternzeit ist eine Teilzeitbeschäftigung möglich. Nach Ende der Elternzeit können die Eltern selbst entscheiden, welche Beschäftigungsform für sie individuell besser passt. Die Arbeitszeiten unserer Beschäftigten werden auf einem Arbeitszeitkonto registriert, es gibt in einigen Abteilungen Gleitzeit und wir kommen den Beschäftigten bei der Urlaubsplanung entgegen.

 

Wie unterstützen Sie Ihre Führungskräfte beim Thema psychische Gesundheit? Welche Anforderungen stellen Sie an Ihre Führungskräfte?

Als mittelständisches und eher kleines Unternehmen arbeiten wir noch daran, all unsere Führungskräfte für das Thema zu sensibilisieren und ihnen ihre Vorbildfunktion bewusst zu machen. Dieser Prozess verläuft bei uns langsamer, als dies vielleicht in einem großen Unternehmen der Fall wäre. Führungskräfte müssen auch auf ihre eigene Gesundheit achten – das ist ganz klar. Ein Chef, der hustend und fiebrig am Arbeitsplatz erscheint, wird seine Beschäftigten nicht dazu ermuntern, bei Krankheit selbst die nötige Zeit zu Hause zu verbringen. Einige unserer Führungskräfte müssen noch lernen, nicht nur in Krankheitsfällen Arbeit zu delegieren und sich auf andere zu verlassen. Sie stehen oft unter dem Druck, stets verfügbar und ansprechbar zu sein. Gestresste Chefs und Führungskräfte neigen dazu, die Probleme der Beschäftigten vorschnell abzuweisen, dieses Verhalten gilt es zu verhindern. Denn viele Beschäftigte fühlen sich in solchen Situationen ungerecht behandelt. Deshalb wollen und müssen wir beim BGM die Führungskräfte ganz bewusst mit einbinden. Das ist unsere Herausforderung für die Zukunft.

 

Welche Tipps geben Sie anderen, gerade auch kleineren Unternehmen, die die psychische Gesundheit auf ihre Agenda setzen möchten?

Auch in kleinen und mittleren Unternehmen treten Fälle von psychischen Erkrankungen auf. Das sollte zum Anlass genommen werden, um Probleme offen anzusprechen und konkrete Maßnahmen zu planen. Das nötige Know-how bieten dazu die Berufsgenossenschaften und Krankenkassen. Bei externen Anbietern ist es schwierig, auf den ersten Blick die seriösen Angebote auszuwählen. Eine „firmeneigene“ ausgebildete Fachkraft, die Ansprechpartnerin in Sachen Gesundheit ist, kann für Unternehmen von großem Vorteil sein. Das Engagement für psychische Gesundheit ist immer Teil der Unternehmenskultur – holen Sie deshalb alle Beteiligten mit ins Boot!