Das Gleichgewicht halten – in der Pflege wie im Privatleben

Interview mit Roland Beierwaltes, Geschäftsführer im Bayerischen Roten Kreuz (BRK), Kreisverband Kronach

Unter dem Motto „Lebensqualität für Generationen“ setzt sich der Kreisverband Kronach des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) als sozialer Dienstleister für eine ganzheitliche Gesundheitsförderung seiner Beschäftigten ein. Seit 2010 bietet die Organisation sowohl ihren 420 Beschäftigten als auch allen anderen Arbeitnehmenden im Landkreis ein umfassendes Programm zur Förderung der Gesundheit, in dessen Zentrum Betreuungsmöglichkeiten zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie stehen. Das zunächst für die eigene Belegschaft konzipierte Projekt hat Schule gemacht und erreicht in und um Kronach mittlerweile über 6.000 Beschäftigte. Sie alle können auf ein Netzwerk lokaler Partner zurückgreifen, die zum Beispiel mit Hausaufgabenbetreuung, Ferienbetreuung, der Pflege von älteren Angehörigen oder der Berufsorientierung von Schülerinnen und Schülern alltagsnahe Unterstützung leisten. Vision ist es, ein vorbildliches Beispiel abzugeben, um als Lebens- und Arbeitsort für Fachkräfte aus ganz Deutschland attraktiv zu werden. Das Projekt wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet und hat über Kronach hinaus Interesse geweckt. Der BRK-Kreisverband berät nun auch andere Regionen und Unternehmen, die den demografischen Wandel aktiv gestalten wollen.


Wer einmal einen Angehörigen gepflegt hat, kennt die Belastungen. Welche typischen Belastungsfaktoren gibt es aus Ihrer Sicht für Mitarbeitende in Pflegeberufen?

Um diese Frage zu klären, haben wir eine wissenschaftlich begleitete Evaluation gestartet. Sie hat gezeigt, dass wir es in der Pflege sowohl mit physischen als auch mit psychischen Belastungen zu tun haben. Viele der Beschäftigten haben zum Beispiel mit Rücken- und Schulterproblemen zu kämpfen. Zum anderen entstehen natürlich auch emotionale Belastungen, beispielsweise durch die Arbeit mit Demenzkranken, die sich in Nervosität oder Gereiztheit widerspiegeln können. Auch die Unsicherheit, ob die eigenen Kinder oder Angehörigen während der Arbeit gut betreut sind, stellt einen hohen Belastungsfaktor dar. Wenn eine gute Versorgung nicht sichergestellt ist, entscheiden viele Beschäftigte über kurz oder lang, sich aus dem Beruf zurückzuziehen. Dieses Problem hat aus unserer Sicht in den letzten Jahren zugenommen. Mit dem Projekt „Lebensqualität für Generationen” möchten wir deshalb einen Beitrag leisten, um die Work-Life-Balance unserer Beschäftigten nachhaltig zu stärken.


Das Projekt wurde 2010 konzipiert und verfolgt seit 2012 unter anderem das Ziel, familienfreundliche Strukturen aufzubauen und weiterzuentwickeln. Ist das Projekt eine Antwort auf die Herausforderungen des Fachkräftemangels in der Pflege?

Wir haben uns als Sozialunternehmen gefragt, wie wir in Zukunft weiterhin erfolgreich arbeiten können. Dabei wurde ganz deutlich, dass unser „Hochrisikofaktor“ der Fachkräftemangel ist. Es gibt bestimmte Belastungsparameter, die dazu führen, dass uns Beschäftigte verlassen oder gar nicht erst bei uns anfangen können oder wollen. Dabei ist an erster Stelle die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf aufgrund fehlender Betreuungsmöglichkeiten von Kindern oder älteren Angehörigen zu nennen beziehungsweise insgesamt einfach nicht genügend Unterstützung und Förderung der Gesundheit durch den Arbeitgeber.


Wie haben Sie auf diese Ergebnisse reagiert? Welche Maßnahmen haben Sie im Bereich der betrieblichen Gesundheitsförderung abgeleitet?

Wir haben erkannt, dass wir unser betriebliches Gesundheitsmanagement ganzheitlich aufbauen müssen. Nur so können wir die Belastungen für die Beschäftigten reduzieren. Und wir haben ganz klar auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gesetzt. Denn Vereinbarkeit betrifft ja sowohl Kinderbetreuung als auch Angehörigenpflege. Inzwischen gibt es bei uns Ansprechpersonen, die den Beschäftigten bei der Pflege eigener Angehöriger zur Seite stehen. Wir bieten außerdem eine betriebseigene Kinderkrippe sowie Plätze für Seniorinnen und Senioren im BRK-Mehrgenerationenhaus an. Manchmal sind es auch Angebote wie eine sogenannte Randzeitenbetreuung, die gute Hausaufgabenbetreuung oder die Vermittlung eines Praktikums. Wenn Ihre Familie während der Arbeitszeit gut versorgt ist, werden Sie auch entspannter zur Arbeit gehen – und umgekehrt.


Was können andere Arbeitgeber tun, um die Beschäftigten bei der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben zu unterstützen? Wie sollten Organisationen hier vorgehen?

Aus meiner Sicht steht die Analyse der betriebsspezifischen Situation an erster Stelle: Wie sieht die Altersstruktur in meinem Unternehmen aus? Welche Veränderungen kommen durch den demografischen Wandel auf mich zu? Daraus leiten sich Maßnahmen ab: Sind die Beschäftigten im Schnitt eher jung, kann zum Beispiel eine Kinderbetreuung helfen, die Work-Life-Balance zu verbessern. Bei älteren Beschäftigten stehen das Thema Pflege der eigenen Angehörigen und dazu passende Angebote im Vordergrund. Wichtig ist, dass die Förderung der Beschäftigten langfristig angelegt ist, nur so führt sie zum Erfolg. Schließlich steht der Mensch im Mittelpunkt. Arbeitgeber sollten also bereit sein, sich finanziell zu engagieren und in die Mitarbeitenden zu investieren – nur so kann langfristig der Fachkräftemangel bewältigt werden und der Arbeitgeber durch Imagegewinn punkten.


Ist das Engagement des BRK-Kreisverbandes ein Erfolgsmodell für andere ländliche Regionen, die vor ähnlichen Herausforderungen stehen und gegensteuern möchten?

Auf jeden Fall. Was zunächst für unsere eigenen Beschäftigten geplant war, hat sich auf heute 19 weitere Unternehmen mit 6.000 Beschäftigten in der Region ausgeweitet. Für 2018 haben wir uns vorgenommen, 30 Betriebe mit den Angeboten zu erreichen. Das Fachkräftemangel-Risiko für unsere eigene Organisation wird durch unser „Lebensqualität für Generationen“-Konzept deutlich reduziert. Unsere Maßnahmen und Angebote haben Wirkung gezeigt. Das zeigen auch die Evaluationsergebnisse. Mittlerweile beraten wir andere Regionen in Bayern zum Aufbau eines solchen Netzwerks für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Herausforderungen des demografischen Wandels betreffen uns ja letztlich alle.


Welchen Tipp würden Sie anderen Sozialunternehmen geben, die ähnliche Kooperationen mit der lokalen Wirtschaft und mit Behörden aufbauen möchten?

Ein Weg ist beispielsweise die Beteiligung an einem der vielen Wettbewerbe, die es zum Thema Gesundheit oder Vereinbarkeit von Beruf und Familie gibt. Das ist ein guter Anlass, um aktiv zu werden und sich mit der eigenen Organisation auseinanderzusetzen: Sind wir gut genug, um uns zu beteiligen? Was leisten wir bereits für die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben und die Gesundheit? Wo hakt es noch? Solche Wettbewerbe strahlen auch auf die eigene Umgebung aus und sind eine gute Referenz für die Suche nach Kooperationspartnern. Wenn es um das Wie geht, ist die gezielte Suche nach passenden Best Practices ein guter Weg. Wie gehen die anderen vor? Welche Strukturen kann ich auf meine Organisation übertragen? Bei der Umsetzung leisten viele Landes- und Bundesprogramme von Krankenkassen oder Ministerien Unterstützung. Auch wir bieten aufgrund der hohen Nachfrage inzwischen Beratungsmodule für Interessierte an. Am Ende stehen und fallen solche Projekte aber immer mit den Beschäftigten.