Wie Coachings den Umgang mit Belastungen erleichtern können

Interview mit Martina Brückner-Starke, Leiterin Zentrale Koordinierungsstelle Betriebliches Gesundheitsmanagement, Deutsche Rentenversicherung Bund

Als größter Sozialversicherungsträger in Deutschland ist die Deutsche Rentenversicherung Bund Arbeitgeber für rund 23.000 Menschen. Seit 2014 können die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei bevorstehenden besonderen Belastungen ein individuelles Gesundheitscoaching erhalten. Mit einem zertifizierten Coach arbeiten sie in drei Einzel- oder Gruppensitzungen an einer vorher definierten Zielsetzung, um Herausforderungen im Arbeitsalltag besser zu meistern. Der derzeit größte Veränderungsprozess innerhalb der Rentenversichung – die Umstellung auf ein bundesweit einheitliches IT-System – gab den Anstoß für die Einführung der Gesundheitscoachings. Die Ergebnisse zeigen: Mit Einbettung in den Maßnahmenkatalog des strategisch betriebenen Gesundheitsmanagements können Coachings einen wichtigen Beitrag zu echter Prävention leisten – und wirken darüber hinaus als Türöffner für das Thema psychische Gesundheit. Der messbare Erfolg und die positive Resonanz haben das Angebot zu einem festen Baustein in der Förderung der psychischen Gesundheit gemacht.


Welche Erfahrungen mit dem Thema Burnout gab es in der Vergangenheit, die Sie dazu gebracht haben, individuelle Gesundheitscoachings auf den Weg zu bringen?

Das Thema Burnout besitzt unumstritten eine gesellschaftliche Relevanz. Als Deutsche Rentenversicherung Bund kennen wir die Anzahl an Frühverrentungen wegen psychiatrischer Diagnosen extrem gut. Mit den Gesundheitscoachings wollen wir gesunde Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die vor einer großen Herausforderung stehen, präventiv unterstützen: Es geht um professionelle Begleitung, um ein konkretes Ziel besser erreichen zu können. So vermeiden wir Überlastungen und können auch einem Burnout besser vorbeugen.


Der Anlass für die Coachings war die Umstellung auf ein bundesweit einheitliches IT-System, also ein klassisches Changemanagement-Thema. Welchen Beitrag können Coachings in solchen Phasen der Veränderung leisten?

Ein großer Vorteil von Coachings ist, dass sie wirklich individuell sind. Es geht darum, den persönlichen Bedarf an Unterstützung auszuloten, um ans Ziel zu gelangen – also die Herausforderung zu meistern: Welche Ressourcen stehen mir zur Verfügung? Wo bin ich schon gut und wo brauche ich konkrete Unterstützung? Unsere Psyche ist genauso individuell wie unser Körper. Deshalb benötigt sie einen individuellen Blickwinkel und ein individuelles Training. Natürlich können wir Belastungen objektiv messen. Ob sie den Menschen jedoch tatsächlich belasten, ist ganz verschieden.

Drei Termine sind bei der Deutschen Rentenversicherung Bund für die Coachings vorgesehen. An wen richtet sich das Angebot und wie laufen die Coachings ab?

Das Angebot richtet sich an fitte Leute, die vor großen Herausforderungen stehen. Jeder kann zu seiner Führungskraft gehen und den Wunsch nach einem Coaching äußern – es muss aber einen konkreten Anlass geben. Der normale Ablauf ist dann so, dass die Coaches sich mit einem persönlichen Vortrag auf einer Informationsveranstaltung vorstellen. Coach und Beschäftigter müssen einfach zueinander passen. Hat sich ein Coaching-Paar gefunden, telefonieren beide Parteien und klären die Zielsetzung. Für die Einzelcoachings stehen dreimal 60 Minuten zur Verfügung, für die Teamcoachings dreimal 90 Minuten. Anschließend werden die Termine mit einem anonymisierten Fragebogen ausgewertet.


Welche Ergebnisse zeigen die Evaluationen?

Die Mitarbeitenden fühlen sich durch die Coachings deutlich stabiler. Wer sich im Vorfeld überlegt, wie er mit Stresssituationen umgeht, trainiert seine Psyche – ähnlich wie einen Muskel. Der Gedanke, dass ich mich auf Stress vorbereiten kann, ist inzwischen bei ganz vielen Beschäftigten angekommen. Die Evaluation der Pilotphase hat durchweg gute Ergebnisse gezeigt – auch wenn der Begriff Coaching bei uns im Haus anfangs keine allzu gute Werbewirkung entfaltet hat.


Was waren die Gründe für den schleppenden Anfang?

Die Coachings wurden anfangs als ein sehr langer Prozess wahrgenommen. Dabei sind sie wirklich ein Format mit minimalem Zeitaufwand und können außerdem direkt am Arbeitsplatz umgesetzt werden. Manche Beschäftigte haben auch den Nutzen bezweifelt. Wir hatten das Glück, dass einige Führungskräfte sofort überzeugt waren und das Angebot selbst ausprobiert haben. Dann sprach sich der Erfolg schnell herum. Wichtig ist, die Gesundheitscoachings nicht als Einzelmaßnahmen zu verstehen. Sie müssen Teil einer Strategie sein, damit sie angenommen werden und ihre Sichtbarkeit zunimmt.


Wo stehen Sie inzwischen mit dem Projekt in Sachen Burnout-Prävention?

Das Format ist ein so wichtiger Bestandteil geworden, dass es mittlerweile unabhängig von der Einführung des IT-Systems existiert. Darüber hinaus sind die Berührungsängste mit Themen wie Arbeitsorganisation und psychischer Gesundheit zurückgegangen. Man kann die Dinge jetzt viel offener aussprechen: Es kehrt immer mehr die Auffassung ein, dass psychische Gesundheit ein Thema ist, über das man genauso sprechen kann wie über den kranken Rücken. Das hängt sicher auch mit der Einbettung in unsere Maßnahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit zusammen, die wir seit 2014 angelehnt an psyGA verfolgen.


Abschließend die Frage: Was ist Ihr Fazit, das Sie aus dem Projekt ziehen?

Wir wollen mit Coachings dazu motivieren, auf die guten Seiten zu schauen – das scheint ansteckend zu sein. Trotzdem mussten wir einen extrem langen Atem haben. Die Einführung der Gesundheitscoachings war ein langwieriger Prozess und echte Knochenarbeit – aber es hat sich gelohnt. Wenn Organisationen
ihre Beschäftigten offensiv informieren, erhalten sie auch die gewünschte Resonanz.