Gute Führung und eine Kultur des Hinsehens – wie Mitarbeitende auch in Phasen der Arbeitsverdichtung gesund bleiben

Interview mit Olaf Schäfer, Referatsleiter Personal im BMEL

An den beiden Standorten Bonn und Berlin des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) setzen sich rund 900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jeden Tag für gesunde Lebensmittel und eine nachhaltige Bewirtschaftung des ländlichen Raumes ein. Damit beeinflussen sie die Gesundheit und Lebensqualität von rund 80 Millionen Menschen in Deutschland. Um auch als Organisation gesund und leistungsfähig zu bleiben, setzt das BMEL auf flexible Arbeitsverteilung und eine Kultur, in der Mitarbeitende gegenseitig auf sich achten. Welche Rolle Führungskräfte dabei spielen, erläutert Olaf Schäfer im Interview.

Das BMEL engagiert sich seit einigen Jahren verstärkt für die Gesundheit der Mitarbeitenden. Welche positiven Effekte zeichnen sich ab?

Die Stimmungslage und die Kultur im Haus haben sich verändert. Es ist uns gelungen, eine motivierende Arbeitskultur zu schaffen – mit allen Aspekten, wie beispielsweise der Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Man kann die Idee, die dahintersteht, auch mit den Worten des „Family Farming” beschreiben: Wir alle arbeiten bei Erfolg und Misserfolg zusammen. Nur wenn alle mitziehen, lassen sich die Ressourcen sinnvoll nutzen. Seit 2009 führen wir regelmäßig Befragungen durch und können heute sagen, dass die Entwicklungen bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern angekommen sind.

Daran haben sicherlich auch die Führungskräfte einen Anteil. Wie entscheiden Sie im BMEL, wer für eine Führungsaufgabe infrage kommt?

Wir haben eine relativ hohe Hürde zur Übernahme von Führungsverantwortung. Eine dauerhaft gute Beurteilung gründet sich bei uns nicht ausschließlich auf Fachkompetenz. Soziale Kompetenzen und beobachtbares Führungsverhalten sind genauso wichtig. Soweit wir wissen, ist unsere einjährige Probezeit eine der längsten aller Bundesressorts. Am Ende werden Führungskräfte in ihrer Führungsleistung beurteilt – sowohl fachlich als auch mithilfe einer anonymisierten Befragung der unmittelbar betroffenen Beschäftigten in der jeweiligen Arbeitseinheit.


Welche Unterstützung können neue Führungskräfte erwarten?

Wir organisieren unter anderem Einführungsveranstaltungen. Hier erfahren neue Führungskräfte, welche Hilfe sie zum Beispiel in Konfliktsituationen von uns erhalten. Für angehende Führungskräfte haben wir weit im Vorfeld der Übernahme von Verantwortung den Workshop „Perspektive Führungskraft“ ins Leben gerufen. Dabei vermitteln Coaches die Erwartungen des BMEL an gute Führung und zeigen in Alltagssituationen die Herausforderungen an Führungskräfte auf – und wie man sich darauf vorbereitet. Außerdem empfehlen wir Führungskräften für ihr persönliches Feedback immer ein Coaching.


Was unternimmt das BMEL, um Mitarbeitende langfristig gesund zu halten?

Wir möchten ein Umfeld schaffen, in dem Menschen sich positiv aufgehoben fühlen und damit letztlich gesund und motiviert arbeiten. Wenn ich jeden Tag mit Bauchschmerzen ins Büro gehe, weil ich Angst vor meinen Vorgesetzten oder der Auseinandersetzung mit Beschäftigten habe, oder wenn ich fürchte, meine Auf- gaben nicht erfüllen zu können, wird sich das im Zweifel negativ auf meine Gesundheit auswirken. Auch der öffentliche Dienst steht unter Leistungs- und Erwartungsdruck. Wir sind ja kein Elfenbeinturm, an dessen Mauern gesellschaftliche Entwicklungen abprallen. Die Empfindung, unter Druck zu stehen, mit psychischen oder psychosomatischen Auswirkungen, kennen wir genauso wie die Privatwirtschaft.


Sie sprechen das Thema Arbeitsverdichtung an. Wie gehen Sie damit um?

Wir versuchen, unsere Kultur im Haus so zu gestalten, dass keine zusätzlichen Drucksituationen geschaffen werden. Arbeitsverdichtung lässt sich natürlich nicht vermeiden. Wir haben allerdings seit Jahren niedrige Krankenstände und eine sinkende Zahl von Überstunden – und das nicht mit mehr Personal und weniger Aufgaben. Offensichtlich haben wir also gewisse organisatorische Hebel richtig gezogen.


Welche Hebel sind das?

Führungskräfte werden im Rahmen der subsidiären Führungsverantwortung beispielsweise dazu angehalten, auf die richtige Aufgabenverteilung zu achten. Der höhere Dienst ist häufig stark überlastet. Viele der Aufgaben können Mitarbeitende des gehobenen oder mittleren Diens- tes bei genauerer Betrachtung besser und sachgerechter ausführen. Wenn die einen zu viel haben und die anderen zu wenig, hat das oft etwas damit zu tun, dass Arbeit nicht richtig verteilt ist. Deswegen versuchen wir, in Zeiten mit einem extrem hohen Arbeitspensum, wie etwa bei der „Grünen Woche“, Personal flexibel einzusetzen.


Wie würden Sie die Haltung des BMEL beschreiben, die hinter den angesprochenen Maß- nahmen steht?

Wir wollen mit unserer Philosophie eine Kultur des Hinsehens fördern. Dabei soll jeder Mitarbeitende als Mensch in einem sozialen Umfeld und nicht nur als Arbeitseinheit wahrgenommen werden. Das ist natürlich hauptsächlich Aufgabe der Führungskräfte. Aber auch alle Mitarbeitenden untereinander sollen ein Auge auf sich haben. Wir möchten eine Kultur schaffen, in der wir nicht nur arbeiten, sondern auch ein Stück weit miteinander leben.