Qualifizierte Beratung im Kollegenkreis – ein niedrigschwelliges Angebot für belastete Mitarbeitende

Interview mit Stefanie Cohnen, Sozialer Dienst, Ministerium für Inneres und Kommunales Nordrhein-Westfalen, Dr. Sven Voßen, Referent für Gesundheitsmanagement, Finanzministerium Nordrhein-Westfalen

Viele Organisationen sind beim Umgang mit psychischen Problemen ihrer Beschäftigten überfordert. Wer ist die richtige Ansprechperson? Wann benötigen Betroffene professionelle Unterstützung? Das Projekt Soziale Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner (SAP) stößt in genau diese Informationslücke. Ursprünglich für die Polizei entwickelt, wurde es im Jahr 2000 – zunächst als Pilotprojekt – vom Finanzministerium NRW sowie vom Ministerium für Inneres und Kommunales NRW übernommen. Nicht Psychotherapie, sondern eine unkomplizierte Ersthilfe durch speziell geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist das Angebot an Betroffene.


Das Projekt klingt ungewöhnlich: Mitarbeitende können sich bei psychischen Problemen an die Kollegin oder den Kollegen wenden. Was ist der Vorteil für Betroffene?

Cohnen: Die Hemmschwelle ist geringer. Mitarbeitende gehen eher auf eine Kollegin oder einen Kollegen zu und teilen mit, wenn sie sich nicht gut fühlen. Im Gespräch können sich dann tiefer liegende Gründe zeigen. Der Beratungsansatz hat auch viel mit Selbsthilfe zu tun: Ich muss mir im Gespräch die möglichen Gründe für das eigene Befinden erarbeiten. Ein persönlicher Kontakt ist unseren Erfahrungen nach ein echter Vorteil gegenüber telefonischen Beratungen.

Voßen: Externe Beratungsstellen haben zudem den Nachteil, dass sie die Abläufe und Strukturen bei uns im Haus nicht kennen. Das kann dazu führen, dass die Ergebnisse nicht umsetzbar sind. Die Beratung wird dann als weniger kompetent empfunden.


Das Beratungsmodell wurde ursprünglich für die Polizei entwickelt. Gab es Bedenken, das Projekt auf andere Organisationsbereiche zu übertragen?

Cohnen: Gerade am Anfang gab es große Unsicherheiten bei den Führungskräften. Eine Befürchtung war, dass sie teilweise von ihren Aufgaben als Ansprechpersonen für die Belange der Mitarbeitenden entbunden sind, wenn Probleme bei den SAP abgeladen werden. Unsere Erfahrungen haben jedoch gezeigt: Mit bestimmten Problemen gehen Mitarbeitende nicht zu einer Führungskraft. Gerade bei Krisen im privaten Bereich benötigen die Betroffenen fachlich kompetente Ansprechpersonen. Unsere Führungskräfte werden dafür nicht ausgebildet.


Psychische Erkrankungen sind ein sensibles Thema und gehen nicht selten mit Schamgefühl einher. Wie stellen Sie sicher, dass die SAP das nötige Fingerspitzengefühl besitzen?

Cohnen: Die Behörden schlagen zunächst geeignete Mitarbeitende vor. SAP sollten einfühlsam und kommunikativ sein – und einen bestimmten Beliebtheitsgrad mitbringen. Verschwiegenheit und Vertrauenswürdigkeit sind auch wichtig. Diese Kolleginnen und Kollegen laden wir zu einem Assessment ein. In einem Interview fragen wir außerdem nach der Motivation und versuchen, gemeinsam herauszufinden, wie gefestigt die Person ist. Bei selbst sehr stark belasteten Menschen besteht die Gefahr, dass sie sich mit dem Projekt selbst therapieren möchten. In einem Rollenspiel konfrontieren wir die Bewerberinnen und Bewerber dann mit einem realen Fall.


Was lernen die neuen SAP in der dreijährigen Ausbildungszeit?

Voßen: Schwerpunkt der Ausbildung sind zunächst Beratungsmethoden: Die Mitarbeitenden erproben zum Beispiel bestimmte Fragetechniken und aktives Zuhören. Außerdem setzen sie sich mit klassischen Problemstellungen auseinander: Aus unseren Statistiken kennen wir die häufigsten Anliegen wie Suchterkrankungen, Stress und Überlastung sowie Konflikte. Auch ein zweitägiges Selbstreflexionsseminar gehört zur Ausbildung. Bei uns steigen SAP schon nach dem zweiten Ausbildungsseminar, also ein halbes Jahr nach Beginn der Ausbildung, in die Beratung ein. Das hat den Vorteil, dass Beratungserfahrungen noch in der Ausbildung reflektiert werden können.


Die eigene Kollegin oder den eigenen Kollegen zu beraten, ist am Anfang sicher keine leichte Aufgabe.

Voßen: Deshalb behandeln wir das eigene Rollenverständnis als SAP auch in der gesamten Ausbildung. Als Kollegin oder Kollege anderen ein Beratungsangebot zu machen, stellt Herausforderungen an die eigene Rolle. Die Mitarbeitenden sind ja genauso Teil der Organisation wie die Betroffenen – mit den typischen Anforderungen an ihre Arbeit und den gleichen Hierarchien. Betroffene und SAP teilen sich ja eine Dienststellenleitung. Ob die Begleitung erfolgreich war oder nicht: Man arbeitet trotzdem die nächsten zehn Jahre im gleichen Haus zusammen und begegnet sich beim Betriebsaus-  ug oder in der Kantine.


Wo liegen die Grenzen der Beratung durch die SAP?

Voßen: Die SAP können und sollen keine Therapie durchführen. Die Grenzen der Erstberatung sind klar: Jemand mit einer akuten Psychose braucht andere, professionelle Hilfe. Wir fordern die Mitarbeitenden deshalb auf, sich ein Netzwerk an Hilfsangeboten zu schaffen und mit den Einrichtungen Kontakt aufzunehmen.

Cohnen: Bei sehr schweren Fällen bieten wir auch die Möglichkeit zur Einzelsupervision. SAP zu sein, heißt, die eigenen Grenzen zu kennen. In unserem neuen Workshop behandeln wir deshalb Probleme zwischen Nähe und Distanz.

 

Abschließend die Frage: Was sind die Erfolgsfaktoren des Projektes?

Cohnen: Man muss selbst überzeugt sein und Protagonisten haben, die das Projekt fachlich ein- ordnen können. Das geht nur mit Kolleginnen und Kollegen, die eine entsprechende Qualifikation mitbringen. Darüber hinaus müssen die beteiligten Akteure, vom Referat bis zur Ministerin bzw. zum Minister, den Eindruck vermitteln: Das Projekt ist gewollt. Dann können die SAP viele Probleme ab- fangen. Und nicht zuletzt ist es wichtig, den Mitarbeitenden, die sich engagiert für ihre Kolleginnen und Kollegen einsetzen, auch Dank auszusprechen.