Für jeden der richtige Einsatzort – auch in hohem Alter aktiv im Forstbetrieb

Interview mit Anna Fischer, Betriebliche Gesundheitsmanagerin beim Regionalverband Ruhr

Im Forstbetrieb ist körperliche Arbeit an der Tagesordnung, doch auch hier steigt das Durchschnittsalter der Beschäf­tigten durch den demografischen Wandel stetig an. Vor allem ältere Beschäftigte sind oft nicht mehr voll einsatz­fähig. Neben Ausfällen und Frühverrentungen besteht die Gefahr, dass gesunde Beschäftigte die Arbeit der einge­schränkten Kollegen zusätzlich übernehmen und selbst überlastet werden. Der Regionalverband Ruhr begegnete der Problematik rechtzeitig: Er entwickelte individuelle und passgenaue Lösungen für die betroffenen Beschäftigten.


Was gab den Ausschlag, etwas für die Gesundheit Ihrer Mitarbeitenden zu tun?

In un­serem Forstbetrieb Ruhr Grün haben wir ein recht hohes Durchschnittsalter. Viele Beschäftigte füh­ren schon seit vielen Jahren körperliche Tätigkeiten wie die Arbeit mit der Motorsäge durch – bei jedem Wetter. Das ist auf Dauer natürlich sehr fordernd. Meist sind Rücken­ und Gelenkprobleme die Folge, aber auch psychische Erkrankungen kommen vor. Das zeigt sich zeitweise in einem hö­heren Krankenstand. Zusätzlich kam aber von unserer Revierleitung der Hinweis, dass auch die Be­schäftigten, die anwesend sind, häufig nicht mehr so eingesetzt werden können, wie sie gebraucht werden. Viele dürfen aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr schwer heben oder im Hocken oder Knien arbeiten.


Was ist das Ziel Ihres Projekts?

Ziel war, die bereits gesundheitlich eingeschränkten Beschäftigten vor der Frühverrentung zu schützen und dafür zu sorgen, dass sie möglichst lange ohne weitere ge­sundheitliche Beeinträchtigungen bei uns bleiben können. Gleichzeitig sollten auch die gesunden Beschäftigten geschützt und nicht dadurch belastet werden, dass sie Aufgaben der Kollegen über­ nehmen. Wir nahmen uns vor, für alle Beschäftigten innerhalb von Ruhr Grün einen passgenauen Arbeitsplatz zu finden, an dem sie im Rahmen der eigenen gesundheitlichen Möglichkeiten bis zum Rentenalter aktiv bei uns bleiben können.


Mit welchen Maßnahmen wollten Sie dies erreichen?

In einem Arbeitskreis haben wir zunächst alle wichtigen Akteure in das Vorhaben miteinbezogen, ließen von der Betriebsärztin bzw. vom Be­triebsarzt eine Einschätzung der einzelnen Tätigkeiten im Forstbetrieb vornehmen und erstellten einen Ablaufplan für das Projekt. Die eigentliche Umsetzung erfolgte dann aus Datenschutzgründen in einem kleineren Kreis. Wir haben die Beschäftigten bei Ruhr Grün identifiziert, für die aufgrund ihrer dauerhaf­ten gesundheitlichen Einschränkungen eine Lösung gefunden werden sollte. Diese 16 Beschäftigten ha­ben wir zunächst telefonisch kontaktiert, haben sie über unser Vorhaben informiert und einen Besuch an ihrem Arbeitsplatz vereinbart. Gemeinsam mit Beschäftigtem und Vorgesetztem klärten wir in einem Gespräch Fragen wie: Wie belastet fühlt sich der Beschäftigte im Arbeitsalltag? Welche Möglichkeiten gibt es, die Tätigkeiten weniger belastend zu gestalten? Im Anschluss an die Gespräche entwickelten wir für jeden Beschäftigten gemeinsam eine individuelle Lösung.


Welche Lösungen waren das?

In wenigen Fällen versetzten wir den Beschäftigten an eine ande­re Stelle mit weniger körperlich belastenden Tätigkeiten. Das geschah aber nur, wenn es auch der Wunsch der Beschäftigten war. In den meisten Fällen haben wir die Tätigkeiten so angepasst, dass die Beschäftigten an ihrem Arbeitsplatz bleiben konnten. Oft fanden wir weniger belastende Tätig­keitsfelder, die die Beschäftigten übernehmen wollten und für die sie qualifiziert waren. Den Wegfall von Arbeitsleistung im Bereich der körperlichen Tätigkeiten haben wir stellenweise ausgeglichen, indem wir das Personal aufgestockt haben. Außerdem haben wir eine sogenannte Taskforce einge­richtet, die im Notfall – beispielsweise nach einem Sturm oder bei akut hohem Krankenstand – in jedem der Reviere im Ruhrgebiet eingesetzt wird.


Wie schätzen Sie den bisherigen Erfolg des Projektes ein?

Obwohl das Projekt noch nicht abgeschlossen ist, können wir sagen, dass es bisher sehr erfolgreich war. Keiner der betroffenen Beschäftigten musste frühverrentet werden. In fast allen Fällen konnten wir bereits eine gute Lösung finden, bei wenigen testen wir gerade noch mögliche Maßnahmen. Eine systematische Evaluation des Projektes hat noch nicht stattgefunden; von den Beschäftigten bekommen wir aber die Rückmel­dung, dass sie mit den neuen Arbeitsbedingungen sehr zufrieden sind.


Welche Hürden mussten Sie im Laufe des Projektes überwinden?

Einige Beschäftigte waren zunächst sehr skeptisch, hatten Vorbehalte und Ängste und befürchteten, dass das Gespräch – auch mit den Vorgesetzten – Nachteile für sie haben könnte. Dem sind wir begegnet, indem ich als be­triebliche Gesundheitsmanagerin in einem Telefonat unsere Ziele erklärt und die Ängste genommen habe. Außerdem durften die Beschäftigten mitbestimmen, wer das persönliche Gespräch mit ihnen führen und ob beispielsweise ein Mitglied des Personalrates dabei sein sollte. Im Anschluss wurde ein Gespräch mit den Vorgesetzten geführt und deren Feedback an die Beschäftigten weitergegeben. In allen Fällen wollten die Vorgesetzten die Beschäftigten gerne am Arbeitsplatz behalten, was für diese eine schöne Bestätigung war und ihnen die Befürchtung nahm, ihrer Aufgabe nicht mehr gerecht zu werden.


Welche Tipps würden Sie anderen Behörden geben, die ein ähnliches Projekt auf den Weg bringen möchten?

Bei körperlich oder emotional anstrengender Arbeit ist das Wichtigste, präventiv tätig zu werden. Wir müssen heute den gesunden Mitarbeitenden gute Angebote machen, damit sie nicht die Kranken von morgen werden. Außerdem ist bei jeder Maßnahme entscheidend, dass wir mit den Betroffenen sprechen und nicht über sie. Niemand sollte von einem Vorhaben, das den eigenen Arbeitsplatz betrifft, über den Flurfunk erfahren, denn das kann nur zu falschen Vorstellungen und unbegründeten Ängsten führen. Ältere Beschäftigte müssen ganz klar vermittelt bekommen, dass es nicht darum geht, sie „auszurangieren“, sondern darum, ihnen bis zur Rente den Spaß an der eigenen Tätigkeit zu erhalten und den Arbeitsalltag so wenig belastend wie möglich zu gestalten.


Wie sollte die Arbeit in körperlich anstrengenden Berufen wie der Forstwirtschaft organisiert werden, damit Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten möglichst lange erhalten bleiben?

Dazu müssen präventive Angebote in den Arbeitsalltag integriert wer­ den – und zwar solche, die tatsächlich zu den Belastungsfaktoren passen. Das können schon kurze zusätzliche Pausen mit Übungen sein, die einseitiger Belastung entgegenwirken. Das A und O ist aber, dass genügend Beschäftigte da sind, auf deren Schultern sich die Last aufteilen kann, sodass niemand überlastet wird.