Keine Angst vor der Angst – ein Betreuungsnetzwerk für Einsatzkräfte nach psychisch belastenden Situationen

Interview mit Holger Hoffmann, Kontroll- und Streifenbeamter und Peer (Ansprechpartner) für die psychosoziale Notfallversorgung bei der Bundespolizeiinspektion Bad Bentheim

Einsatzkräfte der Bundespolizei stehen im Arbeitsalltag immer wieder vor emotional belastenden Situationen. Vor allem im Bereich von Bahngleisen – für die deutschlandweit die Bundespolizei zuständig ist – können Zugunglücke und Suizide die Beamtinnen und Beamten psychisch überfordern. Die Bundespolizei hat deshalb ein Betreuungssystem eingeführt, bei dem speziell ausgebildete Einsatzkräfte ihren Kolleginnen und Kollegen Hilfestellung in negativ belastenden Situationen bieten.


Was gab den Ausschlag, ein Betreuungssystem für die Einsatzkräfte einzuführen?

Bis zum großen ICE-Unglück in Eschede 1998 gab es bei der Bundespolizei keine internen Ansprechpartner für psychisch belastende Situationen, sondern es kamen externe Notfallseelsorger zu Hilfe. Nach dem Zugunglück fiel die Entscheidung, auch ein internes Betreuungssystem zu entwickeln. Nicht nur Großeinsätze wie dieser, sondern auch kleinere Einsätze im Alltag können psychische Reaktionen auslösen und überfordernd sein. Deshalb erschien es sinnvoll, dauerhaft vertrauenswürdige Ansprechpartner bereitzustellen. Hierzu initiierte der Sozialwissenschaftliche Dienst Walsrode unter Leitung des Diplom-Psychologen Dr. Andreas Bräuner ein Pilotseminar zur Qualifizierung von psychosozialen Fachkräften und Peers. Daraus entwickelte sich ein bundesweit etabliertes Netzwerk, welches vom zuständigen Leiter des jeweiligen regionalen Sozialwissenschaftlichen Dienstes fachlich koordiniert wird.


Welche Ziele verfolgt die Bundespolizei mit dem Projekt?

Ziel ist, jede Kollegin und jeden Kollegen nach einem belastenden Erlebnis zeitnah zu betreuen, damit keine psychischen Erkrankungen und Traumata entstehen. So wollen wir die Dienstfähigkeit erhalten, aber auch die Zufriedenheit und das Wohlbefinden der Beamtinnen und Beamten fördern. Durch das Gefühl, nicht allein zu sein, und durch die Vermittlung von Hintergrundwissen wollen wir die Angst vor den Reaktionen des eigenen Körpers und der Psyche nehmen.


Wie wurde das Betreuungssystem eingeführt?

Für die Bundespolizeiinspektion Bad Bentheim wurden ein Kollege und ich ausgewählt, um uns als Peers – als Ansprechpartner bei psychischen Belastungen – qualifizieren zu lassen. Wir wurden dann in Seminaren nach Standards der Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE) ausgebildet. Experten wie Notfallseelsorger und spezialisierte Psychologen haben uns Hintergrundwissen zum Thema Stress sowie zu körperlichen und psychischen Reaktionen vermittelt. Themen waren außerdem Gesprächsführung und der Umgang mit belasteten und traumatisierten Personen.


Als Peer betreuen Sie Kolleginnen und Kollegen in belastenden Situationen. Wie läuft das in der Praxis ab?

Wir Peers vom Sozialwissenschaftlichen Dienst Walsrode werden über jeden potenziell belastenden Einsatz in unserem Bereich informiert und kontaktieren proaktiv die beteiligten Einsatzkräfte mit dem Angebot für ein Gespräch. Außerdem können sich die Kolleginnen und Kollegen jederzeit persönlich, telefonisch oder über ein E-Mail-Postfach an uns wenden. Im vertraulichen Gespräch arbeiten wir dann gemeinsam das Erlebte auf. Falls unsere Kenntnisse für die Situation nicht ausreichen, vermitteln wir natürlich auch an psychologische Expertinnen und Experten, beispielsweise an den Psychologen des Sozialwissenschaftlichen Dienstes, der ggf. weitere Kontakte herstellt. Die Einsatzkräfte können sich auch an Peers anderer Dienststellen innerhalb des Regionalteams Nord wenden, wenn ihnen das aus Diskretionsgründen lieber ist.


Zu Beginn war die Skepsis sehr groß. Wie sind Sie Vorbehalten begegnet?

Klischees wie „Polizisten weinen nicht“ sind leider weit verbreitet und auch der Begriff „Psyche“ ist oft negativ be- haftet. Nach und nach entwickelt sich aber eine größere Offenheit für das Angebot und psychische Belastung ist in unserer Dienststelle kein Tabuthema mehr. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Gespräche den Einsatzkräften wirklich guttun und sie sichtbar entlasten. Das erzählen sie auch ihren Kolleginnen und Kollegen, wodurch sich Vorbehalte nach und nach abbauen.


Mittlerweile wird das Angebot von den Einsatzkräften gut angenommen. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?

Ein Erfolgsfaktor ist sicherlich, dass wir Peers selbst Einsatzkräfte sind, die die belastenden Situationen kennen und deshalb nachempfinden können. Als hilfreich hat sich erwiesen, im Arbeitsalltag das Eis zu brechen, Kolleginnen und Kollegen auf persönliche Dinge anzuprechen und das Gespräch zu suchen. In Situationen, die nicht als „Beratungsgespräch“ deklariert sind, kommen oft auch ältere Erlebnisse auf, die anschließend zusammen aufgearbeitet werden können.


Welche Tipps würden Sie anderen Institutionen geben, die ihre Einsatzkräfte ebenfalls besser unterstützen wollen?

Hilfreich ist sicher ein Austausch mit anderen Partnern in ähnlicher Situation, die bereits eine Betreuung haben – beispielsweise die Feuerwehr oder das THW. Außerdem sollte man die Situation der eigenen Einsatzkräfte genau kennen und diese zielgerichtet ansprechen. Dazu ist es natürlich gut, wenn der erste Ansprechpartner den Arbeitsalltag kennt. Ganz wichtig ist auch, dass die Vorgesetzten hinter dem Projekt stehen, denn sie müssen die Umsetzung ermöglichen – etwa indem sie Einsatzkräfte zeitweise für die zusätzliche Aufgabe freistellen.?


Was war für Sie die wertvollste Erfahrung in dem Projekt?

Am schönsten ist für mich, zu sehen und zu spüren, dass ich den Kolleginnen und Kollegen wirklich helfen kann, dass sie oft befreit und entlastet aus den Gesprächen gehen.


Belastende Erlebnisse lassen sich in Berufen wie Ihrem nicht verhindern. Inwieweit kann man auch präventiv tätig werden und auf solche Situationen vorbereiten?

Ich denke, das ist nur bedingt möglich. Rollenspiele und Trainings helfen zwar, die Situationen vorher ein wenig zu kennen, sind aber nie mit dem tatsächlichen Einsatz vergleichbar – alleine, weil körperliche Reaktionen wie die Produktion von Adrenalin fehlen. Hilfreicher ist, Einsatzkräfte gut über Stress an sich und die Reaktionen im Körper aufzuklären. Wenn die Beamtinnen und Beamten einschätzen können, ob beispielsweise Schlafstörungen und Albträume nach einem Einsatz normal sind und wann sie sich Hilfe holen sollten, nimmt ihnen das die Angst vor der Angst und sie fühlen sich auch während des Einsatzes sicherer.