Wie macht Stress krank – wie bleiben wir gesund?

Was stresst uns?

Zwei Männer im Anzug sitzen auf einem Steg am Wasser. ©: plainpicture/JohnerDie Frage, was uns stresst, ist komplex und wird individuell sehr unterschiedlich empfunden. Was den einen stresst, kann für einen anderen Menschen eine interessante Herausforderung sein. Wie wir eine Aufgabe oder Situation bewerten, hängt vor allem davon ab, ob wir das Gefühl haben, sie meistern zu können.

Die Arbeitsatmosphäre und Arbeitsorganisation spielen eine große Rolle dabei, ob Beschäftigte sich angesichts von Aufgaben motiviert und gefordert fühlen oder gestresst. Zudem belastet viele Beschäftigte der Gedanke an die Unsicherheit ihres Arbeitsplatzes in Folge von Fusionen, Produktionsverlagerungen und sonstigen Umstrukturierungen.

Berufliche Faktoren psychischer Belastung:

  • Multi-Tasking seit 2006 Spitzenreiter bei Stress-Auslösern: 58 Prozent der Erwerbstätigen geben an, dass ihre Arbeit häufig die gleichzeitige Bearbeitung verschiedenartiger Aufgaben verlangt. Hinter Multi-Tasking folgen starker Termin- und Leistungsdruck (52%) und ständig wiederkehrende Arbeitsvorgänge (50%) als mögliche Stress-Faktoren am Arbeitsplatz.
  • Belastung am Arbeitsplatz: Als tatsächlich belastend nehmen 34 Prozent der Beschäftigten vor allem das Auftreten von starkem Termin- und Leistungsdruck wahr. Ebenfalls als störend empfunden werden Arbeitsunterbrechungen (26%) sowie die gleichzeitige Betreuung von verschiedenen Arbeiten (18%). 
  • Gefühlter Stress nimmt zu: Für 43 Prozent der Erwerbstätigen haben Stress und Arbeitsdruck in den vergangenen zwei Jahren zugenommen. Dabei sind Führungskräfte (48%) und Mitarbeiter (40%) in etwa gleichem Maße betroffen. Die Ausprägungen des Stresses sind jedoch sehr unterschiedlich: 19 Prozent berichten von einer quantitativen Überforderung, 13 Prozent dagegen von einer qualitativen Unterforderung.
  • Arbeitszeit als Belastung: 30 Prozent der Beschäftigten arbeiten länger als 40 Stunden in der Woche. Für 38 Prozent gehört das Arbeiten an Sonn- und Feiertagen zur Normalität. Außerdem verzichten 26 Prozent der Erwerbstätigen häufig auf ihre Pausen, um den Anforderungen am Arbeitsplatz gerecht zu werden. Führungskräfte stehen dabei unter besonderem Druck: 73 Prozent der Chefs arbeiten an Samstagen und 46 Prozent der Führungskräfte haben Probleme, Beruf und Privatleben miteinander zu vereinen.

Quelle: Stressreport 2012. Psychische Anforderungen, Ressourcen und Befinden.

Die Stressfolgen werden dadurch bestimmt, wie gut Beschäftigte diese Stressfaktoren bewältigen können. Das umfasst z. B. berufliche Qualifikationen, soziale Unterstützung durch Kollegen oder Vorgesetzte sowie das Ausmaß der persönlichen Entscheidungskompetenz: Wer selbst Einfluss auf wichtige Aspekte seiner Aufgaben hat, kommt mit Stress deutlich besser zurecht.

Der Stress und seine Folgen: Wie macht Stress krank?

Der menschliche Körper versucht bei Stress, sich möglichst schnell auf die neue, belastende Situation einzustellen. Zuerst schüttet das Gehirn bestimmte Botenstoffe aus. Daraufhin kurbeln die Nebennieren die Produktion der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol an. Sobald diese in den Blutkreislauf gelangen, bereiten sie den Körper biologisch auf eine bevorstehende Flucht oder einen Kampf vor – evolutionsbiologisch eine Überlebensstrategie. Dann schlägt das Herz schneller, Blutdruck und Blutzuckerspiegel steigen, Energiereserven werden mobilisiert, die Verdauung verlangsamt sich und der Blutgerinnungsfaktor nimmt zu. Alle Funktionen, die nicht zum Überleben notwendig sind, fährt der Körper vorübergehend herunter. Sobald der Alarmzustand vorüber ist, senkt sich der Hormonspiegel automatisch wieder ab, ohne dass das negative Folgen für den Körper hat.

Die Erschöpfungsspirale: Dauerstress schadet der Gesundheit

Kurzfristige Stressreaktionen können aktivierend wirken. Kommen jedoch immer neue Stressreize hinzu oder hält der Druck an, ohne dass der Mensch sich zwischendurch erholen kann, schaltet der Körper auf Daueralarm. Im heutigen Arbeitsalltag mit zahlreichen Arbeitsunterbrechungen und der ständigen Erreichbarkeit ist dies häufig der Fall.

Stressreaktionen richten sich gegen den eigenen Organismus – mit zum Teil gesundheitsschädlichen Konsequenzen. Langfristig schwächen große Mengen an Stresshormonen im Blut beispielsweise das Immunsystem und erhöhen das Risiko, an einer Depression zu erkranken. Neue Befunde aus der Neurobiologie bezeugen zudem, dass chronischer Stress die Aktivität bestimmter Gene im Hirn verändert. Dadurch verkümmern Zellen beziehungsweise werden keine neuen mehr gebildet. Die Folge: Konzentrations- und Merkstörungen bis hin zu Depressionen.

Wer oft gestresst ist, ist anfälliger für körperliche und seelische Krankheiten. Das Spektrum möglicher gesundheitlicher Folgen ist breit. Es reicht von Muskelverspannungen, Rücken- und Kopfschmerzen und Magenproblemen über psychische Leiden wie Konzentrationsschwierigkeiten, Nervosität, Gereiztheit, Nervosität, Angstzuständen, Schlafstörungen und Depressionen bis hin zu lebensbedrohlichen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Nicht immer löst Stress am Arbeitsplatz die Beschwerden aus. Er kann sie aber verschlimmern, vor allem, wenn er zum Dauerzustand wird.

Was hält gesund?

Psychisch gesund fühlen sich Beschäftigte in der Arbeit, wenn die Aufgaben einen Sinn stiften, wenn auch Gefühle von Freude und Stolz über eigene Erfolge zum normalen Alltag gehören.

Praxiserfahrungen zeigen, dass sich Unternehmen, in denen Engagement, Leistung und Gesundheit der Beschäftigten groß sind, vor allem durch drei Faktoren auszeichnen:

  • Die Beschäftigten erleben viel Handlungsspielraum und einen hohen Grad an Autonomie im Rahmen ihrer Aufgaben und Tätigkeiten.
  • Die soziale Unterstützung durch Kollegen und Vorgesetzte ist hoch.
  • Die Beschäftigten empfinden die Balance zwischen ihrem Engagement und der Anerkennung dieses Engagements durch Vorgesetzte und Unternehmen als ausgewogen und lohnend.

Eine Organisation kann die Gesundheit seiner Mitarbeiter unterstützen, indem sie passende Strukturen bereitstellt. Diese richtet die Führung auf allen Ebenen an mitarbeiterorientierten Prinzipien aus und entwickelt sie in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess unter Beteiligung der Beschäftigten weiter.

Dabei prägen Führungskräfte durch ihren Führungsstil entscheidend die Kultur und das Miteinander im Unternehmen: Eine auf Vertrauen, Transparenz, Fehlertoleranz und Wertschätzung fußende und (vor)gelebte Unternehmenskultur bildet den organisatorischen Rahmen zur Förderung der psychischen Gesundheit.