Technologie ist nicht die einzige Stressursache

Organisations- und Wirtschaftspsychologe Professor Bertolt Meyer über Stress am Arbeitsplatz, die Chancen der Digitalisierung und darüber, was Unternehmen beim Thema Mitarbeiterführung besser machen können (in Wort und Bild):

 

 

 
 

Wenn man sich die Stressursachen in Deutschland anschaut, ist „Kollege Computer“ bei Weitem nicht die Nummer eins. Die Top-Stressoren liegen eher in der Arbeits- und Aufgabengestaltung“, sagt der Organisations- und Wirtschaftspsychologe Professor Bertolt Meyer. Genau hier können Unternehmen viel für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bewirken. Auch beim Thema Digitalisierung legt Meyer den Blick auf die Chancen. Den Hype um künstliche Intelligenz und Robotik teilt er nicht: „Roboter sind noch lange nicht so weit, wie die Medien es darstellen.“ Für gesunde Arbeitsbedingungen sorgen, das können Unternehmen schon jetzt.


Warum gibt es in vielen gesellschaftlichen Bereichen, allen voran in der Arbeitswelt, ein so großes Bedürfnis, über die Digitalisierung zu sprechen? Liegt es daran, dass wir die Dimensionen noch nicht erfasst haben?

Die Digitalisierung hat durchaus das Zeug, die Arbeitswelt grundlegend zu verändern, so wie es zu ihrer Zeit die Industrialisierung getan hat. Deswegen spricht man ja auch von einer weiteren industriellen Revolution. Sie verändert die Arbeit an sich – dadurch, dass wir mehr an digitalen Endgeräten arbeiten, wie Arbeitsprozesse gestaltet sind und wie wir zusammenarbeiten. Aber: Ich bin der festen Überzeugung, dass wir noch gar nicht sicher sagen können, ob die Digitalisierung sich von technischen Entwicklungen, die die Arbeitswelt seit jeher verändert haben, unterscheiden wird. Auch die Roboter sind noch lange nicht so weit, wie die Medien es darstellen. Die Digitalisierung würde sich erst von anderen Veränderungen unterscheiden, wenn sie durchgreifender und radikaler wäre.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hat herausgefunden, dass ein Viertel der Berufe potenziell durch Technik ersetzt werden kann. Beunruhigen Sie solche Statistiken?

Dass Jobs durch Technologien wegfallen, ist schon lange so. Wir haben heute auch keine Telefonistinnen, keine Kutscher und keine Menschen mehr, die an Bleisetzmaschinen im Zeitungsdruck arbeiten. Das alles waren Branchen, in denen Menschen in relativ kurzer Zeit ihre Arbeit durch den technologischen Wandel verloren haben. Es ist aber nicht so, dass heute Hunderttausende arbeitslose Menschen die Straßen bevölkern. Im Gegenteil – seit der Wiedervereinigung war der Beschäftigungsanteil noch nie so hoch. Die Geschichte zeigt, dass in dem Ausmaß, in dem alte Berufsfelder verschwinden, neue entstehen. Das ist natürlich für den einzelnen Buchsetzer, der über 50 ist, ein schwacher Trost. Trotzdem ist es gesamtarbeitsmarktpolitisch immer hingekommen.

Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer fühlen sich von der Digitalisierung gestresst. Sie haben zum Beispiel das Gefühl, immer mehr Aufgaben in immer kürzerer Zeit erledigen zu müssen. Woran liegt das?

Stress ist eine Frage der Arbeitsgestaltung. In welcher Zeit wird von uns erwartet, dass wir eine Arbeit erledigen? In welcher, dass wir ein neues Programm lernen? An welchen Stellen müssen wir für Kolleginnen und Kollegen einspringen? Technologie ist ein Mittel, um Arbeitsaufgaben zu erledigen. Sie ist nicht die einzige Stressursache. Viel problematischer finde ich, dass Mitarbeiter so geführt werden, als wären sie selbstständige Unternehmer mit eigenen unternehmerischen Zielen und eigenem Risiko.

Verantwortung Was genau ist das Problem hier? Wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Veranwortung übernehmen, ist das ja eigentlich gut.

Der Tenor ist nicht mehr: „Wir bezahlen dich dafür, dass du während deiner Arbeitszeit die optimale Leistung erbringst.“ Sondern: „Wir bezahlen dich dafür, dass du bis übermorgen die Präsentation fertig hast.“ Als Mitarbeiter fange ich dann an, mich wie ein Unternehmer zu verhalten. Ich setze meine eigenen Ressourcen ein, ich arbeite über die Kernzeiten hinaus. Der Unternehmer hat ein Risiko, aber er hat auch einen potenziellen Gewinn. Den habe ich als Arbeitnehmer nicht. Da bleibt mir nur das Risiko. Im Zweifelsfall bringt mich diese Art der Arbeitsorganisation dazu, über meine Grenzen, und damit meine ich auch gesundheitliche Grenzen, hinauszugehen.

Es ist also nicht die Technik, die uns stresst, sondern eher die Unternehmenskultur und das Miteinander am Arbeitsplatz?

Wenn man sich die Stressursachen in Deutschland anschaut, ist „Kollege Computer“ bei Weitem nicht die Stressursache Nummer eins. Die Top-Stressoren liegen eher in der Arbeits- und Aufgabengestaltung. Termindruck, Hetze und Unterbrechungen sind die häufigsten Stressursachen. Das deutet darauf hin, dass im Zeitalter der Technisierung und Flexibilisierung die Personaldecke in Unternehmen zunehmend dünner geworden ist. In Deutschland sind in den meisten Branchen die Personalkosten aus Unternehmersicht die höchsten. Deswegen versuchen Organisationen, sie so gering wie möglich zu halten. Man beschäftigt also so wenig Menschen wie möglich, um Arbeit immer flexibler erledigen zu lassen. Was bei uns letztlich Stress auslöst, ist nicht die Tatsache, dass wir an einem Laptop oder mit einem Tablet arbeiten. Das Problem ist: Diese Kommunikationskanäle konfrontieren uns damit, dass wir immer mehr Aufgaben in immer weniger Zeit erledigen müssen.

Welche Voraussetzungen müssen Unternehmen schaffen, damit die Vorteile der Digitalisierung überwiegen?

Die Digitalisierung ist wie jeder tiefgreifende Wandel Chance und Risiko zugleich. Sie bietet vielfältige Möglichkeiten für Wachstum, für die Erschließung neuer Beschäftigungsfelder. Auch aus Arbeitnehmersicht eröffnet sie vielfältige Chancen. Die Klassiker sind Heimarbeit, Telearbeit, also mobiles, ortsunabhängiges Arbeiten. Sie kann Arbeit für ältere Menschen oder für Menschen mit Beeinträchtigungen besser gestalten. Ich kann die Bedenken nach dem Motto „Die Roboter nehmen uns die Arbeit weg“ nicht teilen. Für mich eröffnet die Digitalisierung ein großes Potenzial für unsere Arbeitswelt. Um Ihnen ein Beispiel zu nennen: Wenn produzierende Unternehmen Mitarbeiter in Hightech-Anzüge und Exoskelette stecken, ist das erst einmal nichts Schlechtes, sondern etwas Gutes.

Damit sind am Körper tragbare Roboter oder Maschinen gemeint, die Muskelbewegung unterstützen, also körperlich entlasten sollen.

Genau. Es geht darum, dass die Arbeit weniger körperlich belastend ist und Beschäftigte sie besser im höheren Alter ausüben können – ohne dass sie sich dabei die Gelenke ruinieren. Ein Drittel der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in Deutschland hat das Gefühl, dass die körperlichen Anforderungen an die Arbeit durch die Digitalisierung zurückgehen. Gerade in einem Land, in dem Rücken- sowie Muskel- und Skelett-Erkrankungen eine der Hauptursachen für Frühverrentungen darstellen, sind das doch erst einmal gute Nachrichten.

Solche körperlichen Belastungen sind natürlich relativ leicht messbar. Bei der psychischen Gesundheit wird es schon schwieriger. Wissen Unternehmen zu wenig darüber, was ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wirklich brauchen, um gesund arbeiten zu können?

Man muss sie fragen. Wir entwickeln gerade ein relativ umfangreiches Modell, um zu erfahren, welche gesundheitsförderlichen Maßnahmen den größten Effekt haben. Ziel ist es, den subjektiven Stress der Mitarbeitenden zu senken. Dafür wird es ein Siegel geben, das die Qualität eines Betrieblichen Gesundheitsmanagements strukturiert, standardisiert und wissenschaftlichfundiert erfasst. Dazu gehört auch eine vorgeschriebene Mitarbeiterbefragung. Wir schauen also nicht nur auf das, was der Arbeitgeber für die Mitarbeitergesundheit tut, sondern auch darauf, wie die Maßnahmen subjektiv bei den Leuten ankommen. Wie gestresst sind sie? Was hat ihnen geholfen? Ein gutes Betriebliches Gesundheitsmanagement muss bei den Mitarbeitenden ankommen. Das „Deutsche Siegel Unternehmensgesundheit“ ist eines der wenigen Verfahren, das diese Sichtweise berücksichtigt.

Die Digitalisierung bietet zumindest für Wissensarbeiterinnen und Wissensarbeiter viele Möglichkeiten, Arbeit flexibler zu gestalten. Das ist erst einmal etwas Gutes. Gibt es aus Ihrer Sicht auch Nachteile?

Wenn eine Sekretärin in den 1970er-Jahren Feierabend machte, hat sie mit der Schreibmaschine und dem Diktiergerät ihre Arbeitsmittel im Büro zurückgelassen. Das ist heutzutage anders. Die meisten von uns tragen immer ihr Smartphone und viele auch ihren Laptop bei sich. Gerade für Wissensarbeiterinnen und -arbeiter bedeutet das, dass sie Arbeit eigentlich immer und überall erledigen können. Die Digitalisierung trägt also dazu bei, dass Arbeit und Freizeit immer stärker miteinander verschwimmen. Problematisch wird es an dem Punkt, wo Menschen diese Entgrenzung zwischen Arbeit und Privatleben als Belastung erleben und wenn dadurch Dinge im Privatleben zu kurz kommen. Wir müssen also aufpassen, dass durch zeit- und ortsunabhängiges Arbeiten nicht das Diktat des „Always and everywhere“ entsteht. In den letzten zwölf Jahren hat sich die Arbeitsunfähigkeit in Deutschland aufgrund psychischer Erkrankungen mehr als verdoppelt.

Was können Unternehmen und Beschäftigte tun, damit diese Zahl zurückgeht?

Um dem vorzubeugen und im Zeitalter der Digitalisierung ein gesundes und nachhaltiges Arbeitsumfeld zu schaffen, braucht es auf der einen Seite Verhaltensprävention und auf der anderen Seite Verhältnisprävention. Hier stecken verschiedene Ebenen drin: Ich muss das Wohlergehen meiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zunächst strukturell, strategisch und kulturell im Unternehmen verankern. Messbare Faktoren wie geringe Fluktuation und geringe Krankenstände müssen Teil meiner Unternehmensziele sein. Denn was nicht gemessen wird, ist auch nicht wichtig in der Wirtschaft. Darüber hinaus ist Mitarbeitergesundheit immer ein Kultur- und Führungsthema. Gesundheitsorientierte Mitarbeiterführung bedeutet, dass die Führungskräfte sich darüber klar werden, dass ihr Verhalten und die Art, wie sie die Arbeit gestalten, einen starken Einfluss auf die Gesundheit von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hat. Wenn ich als Führungskraft sonntagnachmittags um 17 Uhr E-Mails an meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verschicke, dann ist das immer auch symbolisches Führungsverhalten und signalisiert: „Um es bei uns im Unternehmen zu etwas zu bringen, muss man sonntagnachmittags arbeiten.“

Haben Sie ein Gegenbeispiel, wie gesundheitsorientierte Mitarbeiterführung gelingt?

Ich habe neulich in meinem Twitter-Feed von einem kleinen amerikanischen Dienstleistungsunternehmen gelesen. Eine Mitarbeiterin hatte Probleme mit ihrer psychischen Gesundheit. Sie hatte sich zwei Karenztage genommen und eine automatische Nachricht in ihrem E-Mail-Postfach eingerichtet: „Liebe Kollegen, ich habe mir zwei Tage freigenommen, um meiner Psyche Zeit zur Regenerierung einzuräumen. Ich bin am Montag wieder da.“ Diesen Autoresponder hat auch der
Chef bekommen und ihn an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Unternehmen weitergeleitet. „Nehmt euch ein Beispiel an Karen – Gesundheit geht vor. Alles Gute, Karen! Ich freue mich, dich am Montag wiederzusehen.“ Das ist gesundheitsorientierte Mitarbeiterführung.


ÜBER BERTOLT MEYER

Bertolt Meyer ist Professor für Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Technischen Universität Chemnitz. Als geschäftsführender Direktor leitet er das Institut für Psychologie. Zur Digitalisierung hat er neben dem fachlichen auch einen persönlichen Bezug – im Arbeitsalltag begleitet ihn eine bionische Handprothese. „Mein beruflicher Alltag hat sich dadurch enorm verbessert. Für mich hat die Digitalisierung auch ein großes inklusives Potenzial“, sagt Meyer. Zu seinen Forschungsthemen zählen Diversität und Stereotype, Betriebliches Gesundheitsmanagement und die Gestaltung von Interaktionsprozessen in Teams.