Wie wollen wir in Zukunft arbeiten?

 

„Die Frage, wie wir arbeiten und leben wollen, sollten wir uns nicht von den Maschinen abnehmen lassen“, sagt die Professorin für Arbeitspsychologie Dr. Renate Rau. Das finden wir auch und haben sie nach ihren Erkenntnissen für die Gestaltung einer gesunden digitalen Arbeitswelt gefragt. Heraus kamen spannende Einsichten in eine komplexe Entwicklung – Antworten, die zum Nachdenken anregen und zur interdisziplinären Zusammenarbeit einladen.
1 Was verstehen Sie unter der digitalen Transformation der Arbeitswelt?

Digitale Transformation ist ein sehr weiter Begriff. Zunächst bedeutet Digitalisierung, dass die Technik zunehmend Aufgaben übernehmen kann, die zuvor spezifisch menschliche, also geistige Funktionen waren. Die Übertragung von Arbeit an Maschinen oder Computer war schon immer Sinn und Zweck der technologischen Entwicklung gewesen. Das Besondere der jetzigen Entwicklung ist aber, dass nicht mehr nur physisch schwere Arbeit, sondern zunehmend geistige Arbeit auf Maschinen übertragen wird. Dies wird problematisch, wo die Gestaltung ganzer Prozesse an Maschinen delegiert wird und nicht mehr entschieden wird, ob wir Menschen das wirklich so wollen. Am Beispiel der Entwicklung von Robotern für die Altenpflege lässt sich das veranschaulichen: Die Unterstützung der Arbeit durch Technik ist hier zunächst einmal sinnvoll. Manche Menschen werden vielleicht sogar lieber von einem Roboter zur Toilette gebracht als von einem Menschen. Im Ergebnis könnten Pflegekräfte mehr Zeit für Zuwendung und Gespräche haben, für die aktuell kaum Zeit bleibt. Prinzipiell können aber auch menschenähnliche Roboter entwickelt werden, die menschliche Zuwendung simulieren und Gespräche nach verschiedenen Algorithmen führen. Dies werden die wenigsten von uns für ihre Zukunft wünschen.

2 Welche Arbeit können Maschinen uns heute schon abnehmen?

Gute und gesundheitsgerechte Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine funktioniert überall dort, wo wir die Maschine als Expertensystem nutzen. Zum Beispiel, wenn wir Modelle berechnen, die unsere geistige Kapazität überschreiten. Derzeit könnte alles, was algorithmisch, das heißt nach Wenn-dann-Regeln funktioniert, „übergeben“, also digitalisiert werden. Wenn es um Aufgaben geht, die Heuristiken erfordern, kann das schon nicht mehr so einfach behauptet werden. Es wird aber zukünftig möglich werden. Komplexe und vor allem kreative Entwicklerleistung, wie Ideen zu generieren und spontane Kreativitätlassen sich nicht einfach von Maschinen übernehmen. Es kann aber durch Maschinen eine Unterstützung erfolgen, indem diesen beispielsweise das ergebnisoffene Abklopfen verschiedener Möglichkeiten oder die Suche nach Beziehungen zwischen mehreren Sachverhalten übertragen wird. All das, was der Mensch natürlich, also intuitiv und sinnlich in die Arbeit einbringt, können die Maschinen nicht besser. Aber durch vernetzte, künstliche Intelligenz stellt sich die Frage nach den spezifisch menschlichen Aufgaben nochmal neu. 

3 Verändert die Digitalisierung unsere psychische Gesundheit?

Unsere Arbeit hat sich im Laufe der Geschichte immer gewandelt. Die Bedeutung von ihr für uns Menschen und damit auch für unsere mentale Gesundheit ist dieselbe geblieben. Durch die digitalen Möglichkeiten spüren wir, dass sich unser Handlungsspielraum, der in der Arbeitswelt einen wichtigen Einflussfaktor für die psychische Gesundheit darstellt, verändert. Einige Arbeitende klagen, dass der hohe Handlungsspielraum bei komplexen Aufgaben zwar gut ist, aber durch den wachsenden Zeitdruck durch zu enge Fristen wieder aufgefressen wird. Es kommt zu Arbeitsverdichtung und dadurch Stresserleben.

Unsere Forschung zeigt, dass wir dazu neigen, die Dauer für die Erledigung komplexer Aufgaben zu unterschätzen. Das ist erst einmal normal. Gerade bei kreativen Tätigkeiten ist es schwierig, von Beginn an eine realistische Zeitplanung zu machen. Um Zeiten für Aufgaben realistischer zu planen, müssen sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen – und auch Korrekturmöglichkeiten einplanen. So können beispielsweise Termine angepasst oder zusätzliches Personal eingesetzt werden. Über die Zeit lernen alle, notwendige Zeitbedarfe realistischer einzuschätzen und Korrekturpunkte zu planen.

4 Wie wird die digitale Transformation derzeit gestaltet? Wer oder was gibt den Takt vor?

Der Prozess wird derzeit vor allem reaktiv gestaltet: Die Technik kann etwas – also wird es gemacht. Im Moment gibt die Ingenieurwissenschaft und Informatik den Takt der Entwicklung vor: Entwickeln, Ausführen, Fehler korrigieren. Das kann für den Menschen gut sein. Es besteht aber durch die „Techniksteuerung“ das Risiko, dass für den Menschen nur noch Restfunktionen übrig bleiben. Ganz praktisch beobachten wir, dass neue Informationstechnologie in vielen Unternehmen eingeführt wird, einfach, weil es sie gibt. Nicht aber, weil man einen ganz bestimmten Nutzen erwartet. Hier ist es notwendig, die Menschen, die damit umgehen bei der Entscheidung einzubeziehen und vor allem, den erwarteten Nutzen zu diskutieren.

In der Vergangenheit konnten wir häufig sehen, dass allein die Einführung neuer Verwaltungssoftware ohne Abstimmung mit den Bedarfen dazu geführt hat, dass bestimmte Vorgänge oder Informationen nicht mehr in dieser Software abbildbar waren. Im Ergebnis greifen Mitarbeiter auf externe Speicher, insbesondere Zettelnotizen zurück. Eine Weile bleiben dadurch Informationen erhalten und nutzbar. Durch Personalwechsel gehen diese Informationen später verloren. Es kommt zu Wissenslücken im Unternehmen, die häufig erst zu spät bemerkt werden.

5 Wo sehen Sie wichtige Stellschrauben für die gesunde Arbeitswelt von Morgen?

Wir müssen eine Entscheidung treffen, ob wir die Diener der Maschinen sein wollen oder ob die Maschinen uns dienen sollen. Wir haben gute Erkenntnisse darüber, welche Folgen die Gestaltung von Arbeitsprozessen auf die Gesundheit hat. Dieses Wissen wurde bislang jedoch eher als „Feuerwehr“ eingesetzt und immer erst dann abgefragt, wenn es darum ging, Fehlbeanspruchen zu beheben. Viele der Folgen, die sich jetzt in den hohen Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen zeigen, hätten wir voraussehen können. Wir könnten unser Wissen auch präventiv nutzen. So können mögliche Anforderungen an den Menschen vor der Einführung neuer Technologien oder vor der Entscheidung, was digitalisiert wird, analysiert werden. Im Ergebnis kann das Zusammenspiel von Mensch und Technik mensch- und effizienzorientiert gestaltet werden. Positiv stimmt mich, dass wir in letzter Zeit vermehrt Anfragen von Unternehmen bekommen, die an prospektiver, also zukunftsgerichteter Arbeitsgestaltung interessiert sind. Ein gewisses Umdenken, dass Effizienz nur bei Gewährleistung der Gesundheit und damit der Leistungsvoraussetzung möglich ist, findet also statt.

6 Wie sollte eine zukunftsgerichtete Gestaltung der Arbeitswelt aussehen?

Maschinen können nur rechnen, was wir ihnen auftragen: Die Frage, welches „Expertensystem“ und welche Prämissen wir in der Programmierung zugrunde legen, sollten wir diskutieren und entscheiden – sowohl politisch als auch innerhalb der Organisationen. Eine prospektive Gestaltung der Arbeit sollte sich sowohl an der Gesundheit des Menschen ausrichten als auch an der Produktivität. Dafür ist es kontraproduktiv, alles was Technik besser kann einfach blind auf diese zu übertragen. Vielmehr sollten die über Jahrhunderte ausgehandelten Regeln menschlichen Zusammenlebens, mit denen wir auch für unsere Gesundheit sorgen, eine Leitlinie sein.

Bereiche im Versandhandel dienen hier als Negativbeispiel. Mitarbeitende tragen dort Armbänder, über die sie computergesteuert Aufträge erhalten – zum Beispiel welche Gegenstände sie in welcher Zeit und Reihenfolge in Kartons packen sollen. Die Arbeitenden müssen ihre Arbeit nicht mehr planen. Dabei ist es gerade sinnvoll, dass Menschen ihre Ressourcen selbst gesteuert je nach Tagesform einsetzen, da sie so ihre Gesundheit schützen können. Wenn alle kooperativen und kommunikativen Arbeiten vom Computer übernommen werden, können sich die Arbeitenden auch nicht mehr mit anderen abstimmen und bei Bedarf gegenseitig unterstützen. Es kommt zu isolierter Einzelarbeit, die bei vielen zu Stress führt. Denn soziale Unterstützung ist eine wichtige Ressource für die Gesundheit.

7 Lassen sich auch gesamtgesellschaftlich Veränderungen beobachten?

Aktuell geht der Trend dahin, dass Arbeitsaufträge outgesourced werden und beispielsweise auf Online-Plattformen für „Digitalarbeiter“ angeboten werden (crowd working). Das hat zur Folge, dass Arbeitnehmer zunehmend selbstständig auf dem Markt unterwegs sein müssen und sind. 50 Prozent der Arbeitnehmenden fallen bereits aus dem Schutzraster, weil für Selbstständige viele Arbeitsschutzregeln schlicht nicht zur Anwendung kommen. Für die politische Gestaltung, die Organisation der Sozialversicherungssysteme und auch für die Interessensvertretung stellt diese Form der Arbeitsorganisation eine enorme Herausforderung dar. Der Trend zur Verselbstständigung könnte Gefahr laufen, undemokratisch zu werden.

8 Was ist Ihre Vision, um die digitale Transformation gesund zu gestalten?

Meine Traumvorstellung wäre eine empirische fundierte Untersuchung zur „Zukunft der Arbeit“ und ihre Einbettung in das soziale, politische und wirtschaftliche System. Hier würden Wissenschaftler und Praktiker aus unterschiedlichen Disziplinen ihre Erkenntnisse zusammenbringen – ohne festgelegtes Ergebnis. Die Frage könnte lauten: „Wie wollen wir in Zukunft arbeiten und wie können wir das Hier und Jetzt dafür gestalten?“

ÜBER RENATE RAU

Renate Rau ist Profesorin für Arbeitspsychologie an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Die Frage nach einer Arbeitsgestaltung, die Belastung und Erholung so ausbalanciert, dass sie gesund, lernförderlich und effizient ist, bestimmt ihre Forschung.

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