„Ein BGM muss mitwachsen“

Die Autorin der neuen psyGA-Seminarreihe, Prof. Dr. Nadine Pieck, über gelingendes BGM

 
Foto: Viktoria Kühne

Was kann beim Thema BGM schieflaufen? Wie geht es besser? Wir haben Nadine Pieck, Professorin für Gesundheitsförderung und Prävention sowie Autorin der neuen Seminarreihe von psyGA, gefragt.

 

Nur ein Viertel aller Betriebe verfügt über ein Betriebliches Gesundheitsmanagement. Warum sind es nicht mehr?

Das ist ein Phänomen, das wir auch von der Gefährdungsbeurteilung kennen. BGM ist ein komplexes und anspruchsvolles Aufgabenfeld, das Unternehmen erst lernen müssen. Vor allem wenn man Routinen verändern und eine gesundheitsförderliche Haltung in die täglichen Abläufe integrieren will, kann das herausfordernd sein. Dazu kommt, dass Gesundheitsmanagement eine Querschnittsaufgabe ist. Und als solche ist es eingebunden in Interessenkonflikte und Aushandlungsprozesse. Ein richtig verstandenes BGM bedeutet also Organisationsentwicklung.

Was hat den Anstoß gegeben, die Seminarreihe zu entwickeln?

Unser Grundverständnis von BGM ist ein ganzheitlicher Ansatz. Diese Haltung wollen wir auch den Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmern vermitteln. Unsere Hauptzielgruppe sind Verantwortliche für das Gesundheitsmanagement in größeren Unternehmen, die andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter qualifizieren. Ein guter Ort um diese Akteure zu erreichen, sind Seminare oder die Arbeit in Netzwerken. Mit dem Qualifizierungsangebot wollen wir Räume schaffen, in denen die Akteure ihr eigenes Handeln reflektieren können.

Um BGM umzusetzen brauchen Unternehmen Veränderungsbereitschaft. Was sind die Erfolgsfaktoren, damit der Wandel gelingt?

Unternehmen sollten zunächst eine Bestandsaufnahme machen und sich mit ihren Arbeitsbedingungen auseinandersetzen. Ein Erfolgsfaktor ist auf jeden Fall die aktive Unterstützung durch das Management. Und es unverzichtbar, einen sinnvollen Zuschnitt festzulegen. Im Seminar haben wir dazu das Teilmodul „Gesundheitsmanagement als Veränderungsprozess“. BGM ist ein kontinuierlicher Prozess. Ein wichtiger Tipp ist deshalb, das Aufgabenfeld zu begrenzen. Also: Mit welchen Bereichen und mit welchen Themen wollen wir anfangen? Unternehmen sollten vermeiden, am Anfang alles zu wollen, sondern einen bearbeitbaren Ausschnitt wählen.

Nach welchen Kriterien würden Sie dieses Aufgabenfeld auswählen und wie würden Sie in den BGM-Prozess einsteigen?

Ich würde mit einer Organisationseinheit mit mittlerem Schwierigkeitsgrad starten. Also am besten nicht mit dem Bereich, an den man sich schon seit Jahren nicht herantraut. Dazu würde ich mit Beteiligung der Beschäftigten, also zum Beispiel in Mitarbeiterbefragungen oder Arbeitssituationsanalysen, nach Handlungsbedarfen fragen. Anschließend gilt es gemeinsam mit den Führungskräften zu entscheiden, wo die Prioritäten liegen sollen. Es ist wichtig, diese Auftragsklärung mit den unterschiedlichen Akteuren gemeinsam zu machen.

Um noch einmal auf das Thema Führung zurückzukommen: Was kann ich tun, um die Führungsebene gut einzubinden?

Das Wichtigste ist, dass ich mit den Führungskräften im Gespräch bin. Eine Leitfrage sollte sein: Was sind wichtige Anliegen aus Sicht des Unternehmens? Um darauf eine Antwort zu finden, eignen sich zum Beispiel Workshops. Die Ergebnisse kann ich nutzen, um die nächsten Schritte und Prozesse abzuleiten. Mein Tipp ist: Gehen Sie nicht den Weg über das Papier. Sie sollten also nicht damit beginnen, ein Konzept aufzusetzen und erst danach die Beteiligung organisieren. Machen Sie stattdessen einen gemeinsamen Auftakt, um sich dem Thema anzunähern, und seien Sie auch offen für die Bedenken, die möglicherweise zur Sprache kommen. Anschließend können Sie gemeinsam festlegen, unter welchen Bedingungen die Organisation das Thema aufgreifen will.

Stichwort psychische Gesundheit: Welchen Beitrag kann BGM hier leisten?

Der Auftakt für ein BGM ist immer eine Bestandsaufnahme. Ein BGM zeigt Ihnen, welche Belastungen und Ressourcen es im Unternehmen gibt. Dann sollten im nächsten Schritt Belastungen möglichst reduziert werden. In Bezug auf die Ressourcen sollte man sich als Gesundheitsmanagerin oder -manager fragen: Welche kann ich fördern? Was brauchen die Mitarbeitenden und ich an Ressourcen, um auch die Belastungen bewältigen zu können?

Insbesondere kleine Unternehmen haben beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement Berührungsängste. Was raten Sie ihnen?

Ich finde das Motto „Weniger ist mehr“ hilfreich. Einfach mit einem Bereich anfangen, ihn auswerten, daraus lernen und es anschließend besser machen. Als Format sind Workshops auch für kleine und mittlere Betriebe gut geeignet. Mein Tipp ist auch: Genießen Sie Verschnaufpausen. Wenn Sie nach einem Veränderungsprozess feststellen, dass Sie in einem bestimmten Bereich gut aufgestellt sind, können Sie Bilanz ziehen. Es wird immer wieder neue Themen für das Betriebliche Gesundheitsmanagement geben. Das liegt allein schon daran, dass auch die Rahmenbedingungen sich ständig verändern. Ein BGM muss mitwachsen.

Wie schätzen Sie die Rolle von BGM in der Zukunft ein?

BGM ist in jedem Fall ein Thema, das uns noch lange begleiten wird. Für Unternehmen ist es eine kontinuierliche Anstrengung, für gute Arbeitsbedingungen zu sorgen. Es ist wichtig, sich ehrliches Feedback einzuholen und dann die Ursachen in den Bereichen zu verändern, in denen etwas nicht passt. Wer Arbeit menschengerecht gestalten will, der muss die Organisation immer wieder verändern. Dazu muss man reflektieren: Wo sind überhaupt Handlungsbedarfe, wie wirken sie sich aus? Das ist Organisationsentwicklung. Und dafür muss man Zeit einräumen.


Über die Autorinnen

Nadine Pieck ist Professorin für Gesundheitsförderung und Prävention im Betrieb an der Hochschule Magdeburg-Stendal. Gemeinsam mit Christina Schröder vom Institut für interdisziplinäre Arbeitswissenschaft der Leibniz Universität Hannover hat sie das Seminarangebot zur Qualifizierung im Betrieblichen Gesundheitsmanagement für psyGA entwickelt.

Über die Seminarreihe
Die Seminarreihe zur Qualifzierung ist ein kostenloses Angebot von psyGA. Sie bietet anhand von Präsentationen eine berufsbegleitende Weiterbildung für Akteure im Betrieblichen Gesundheitsmanagement. Eine Begleitbroschüre ergänzt das Angebot. Weitere Infos gibt es unter: psyga.info/qualifizierung

 

 

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