„Jedes Teammitglied sollte seine Rolle kennen“

Was wir vom Fußball lernen können – ein Interview mit der Sportpsychologin Marion Sulprizio

 

Die Sportpsychologin Marion Sulprizio über Teamleistungen, den richtigen Umgang mit Fehlern und warum ein achtsamer Umgang mit sich selbst im Profisport genauso wichtig ist wie im Büroalltag.

 

„Wenn ich nicht mehr konnte, war ich verletzt“, hat Per Mertesacker kürzlich in einem Artikel gesagt. Warum sind psychische Erkrankungen sowohl in der Arbeitswelt als auch im Profisport ein Thema, über das man kaum spricht?

Zunächst einmal sind Sportlerinnen und Sportler genauso anfällig für psychische Erkrankungen wie andere Menschen auch. Den Umgang mit psychischen Belastungen und Erkrankungen zum Thema zu machen, ist ein dickes Brett, an dem wir noch lange bohren müssen. Es gibt noch immer eine Stigmatisierung, wenn jemand sagt, dass er psychisch belastet ist oder eine psychische Erkrankung hat. Aber wir beobachten schon, dass sich zunehmend mehr Leute outen. Der psyGA-Praxisordner für den Leistungssport, der nach dem Suizid von Robert Enke entstanden ist, war ein erster wichtiger Schritt. Aber zumindest im Sport passt das Bild des gestählten Leistungssportlers nicht zu einer mentalen Verletzlichkeit, die jeder Mensch in sich trägt.

Auch im Büro gibt es Stürmer, die nach vorne preschen, und Mittelfeldspieler, die die Bälle verteilen. Inwiefern spielt die Persönlichkeit der Teammitglieder eine Rolle für die Gestaltung der Aufgaben?

Jedes Team besteht aus ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten – und jede Persönlichkeit braucht etwas anderes. Es gibt ein psychologisches Grundmodell, das ich in dem Zusammenhang sehr hilfreich finde. Jeder Mensch hat drei Grundbedürfnisse. Dazu zählen Autonomie, Bindung und das Bedürfnis, die eigene Kompetenz zu zeigen. Wenn ich die Gewichtung dieser Grundbedürfnisse bei meinen Teammitgliedern kenne, kann ich die Rahmenbedingungen so gestalten, dass sich jeder gut aufgehoben fühlt. Es gibt zum Beispiel Menschen, denen es wichtig ist, im Team zu arbeiten und die sehr gesellig sind. Andere wollen vielleicht lieber Entscheidungen treffen und ihre Kompetenz zeigen, also nach vorne preschen. Jedes Teammitglied sollte wissen, welche Rolle es im Team hat und was der Trainer oder die Führungskraft von ihm erwartet. Nur dann kann jeder einen guten Job machen.

Wie können Trainer und Führungskräfte auf die unterschiedlichen Bedürfnisse gut reagieren?

Damit ich als Trainer oder Führungskraft auf die individuellen Bedürfnisse reagieren kann, sollte ich mein Team möglichst genau kennen. Nur dann gelingt es, ein Klima zu schaffen, das die Bedürfnisse meiner Mitarbeitenden berücksichtigt, und eine Atmosphäre schafft, in der sich jedes Teammitglied gut aufgehoben fühlt. Um ein Beispiel zu nennen: Es gibt Personen, die eher beruhigt werden möchten, während andere es mögen, wenn man sie motiviert und gemeinsam an Grenzen geht. Diese individuellen Bedürfnisse zu kennen und zu berücksichtigten, ist ganz wichtig.

„Der Sportleralltag ist wie das Berufsleben eines hochrangigen Managers“, haben Sie in einem Interview gesagt. Was sind die Gemeinsamkeiten?

Auf beiden Berufsgruppen lastet unglaublich viel Druck. Der Manager trifft Entscheidungen, die wenn es schlecht läuft, Arbeitsplätze gefährden können. Auch der Fußballer schießt manchmal neben das Tor und muss mit den Konsequenzen leben. Es gibt in beiden Bereichen eine hohe Verantwortung, die auf den Personen lastet. Jeder Mensch macht Fehler. Und sowohl im Profisport als auch im Management, in dem es eine Teamverantwortung gibt, sieht man diese besonders deutlich. Gerade Einzelsportler setzen sich hohe Ziele und haben einen ausgeprägten Drang zum Perfektionismus. Das vorzeitige Aus in einem Turnier oder eine Verletzung kann sich für die Betroffenen dann wie ein Weltuntergang anfühlen.

Welche Strategien helfen, um Niederlagen nicht persönlich zu nehmen? Und wie lässt sich dieses Wissen auch auf andere Berufe übertragen?

Man sollte immer nach den Ursachen schauen. Vor allem in Teamsportarten aber auch im Arbeitsalltag sind meist mehrere Personen an einer Niederlage oder einem fehlerhaften Prozess beteiligt. Eigentlich kann man nie nur eine Person allein verantwortlich machen. Das schützt unser Selbstwertgefühl. Aber auch dann, wenn ein Fehler passiert, der das eigene Team schwächt, beispielsweise ein verschossener Elfmeter oder eine rote Karte, ist es wichtig, diesen schnell abzuhaken. Die Teammitglieder sollten sich dann auf zukünftige Aufgaben konzentrieren und versuchen, den gleichen Fehler nicht zu wiederholen. Außerdem hilft es, sich in einer solchen Situation zu sagen, dass es zum Arbeiten oder zur sportlichen Leistung dazu gehört, Fehler zu machen – denn aus Fehlern kann man lernen und sich weiterentwickeln.

Wo verläuft im Leistungssport die Grenze zwischen dem, was noch gesund ist, und dem, was krank macht?

Leistungssportler wollen in ihrer Disziplin die Besten sein. Sie wollen etwas erreichen. Eine Portion Ehrgeiz und ein Hang zum Perfektionismus sind die Grundvoraussetzungen für diesen Job. Wichtig ist, dass diese Eigenschaften per se nichts Schlechtes sind. Man sollte aber aufpassen, dass die Dosis nicht zu hoch wird. Wo die Grenze der Belastbarkeit liegt, ist individuell verschieden. Teilweise ist sie genetisch bestimmt, aber sie wird auch von unserer Biografie und unseren Erfahrungen sowie unseren Ressourcen beeinflusst.

Gibt es einen Tipp für Leistungssportler, um im Turnier erfolgreich zu sein?

Um seine volle Leistungsfähigkeit abrufen zu können, braucht man sowohl körperliches als auch mentales Training. Jeder geht mit einem solchen Turnier anders um. Thomas Müller strahlt immer eine totale Wettkampffreude aus und kann damit andere Spieler mitnehmen. Als Profisportler muss ich Strategien entwickeln, die mich anspornen, aber auch solche kennen, die mich wieder runterbringen. Es ist ganz wichtig, dass ich mich von belastenden Situationen auch erholen kann.

Wie kann ich das in der Praxis umsetzen? Haben Sie ein hier Beispiel?

Musikhören, Spazierengehen, den Kopf freibekommen und generell achtsam mit sich umgehen – all das kann zur Erholung beitragen und ist wichtig, damit ich erfolgreich bin. Wichtig ist jedoch auch: Wenn ich tatsächlich krank werde, kann ich mir Hilfe holen. So wie man auch nach einem Bänderriss erst nach einer bestimmten Zeit zurückkommen kann, sollten auch Unternehmen und Vereine psychisch erkrankten Mitarbeitenden genügend Zeit geben, um wieder gesund zu werden.


Über die Expertin

Marion Sulprizio ist Psychologin an der Deutschen Sporthochschule Köln – der einzigen Sportuniversität in Deutschland. Die dort gegründete Inititiave „MentalGestärkt“ geht dem Zusammenhang von psychischer Gesundheit im Profisport auf den Grund. Eine aktuelle Studie zeigt unter anderem den Zusammenhang von Perfektionismus und Angst bis hin zu depressiven Symptomen bei dänischen und schwedischen Profi-Fußballern.

Der psyGA-Praxisordner für den Leistungssport
Der Praxisordner zur psychischen Gesundheit im wettkampforientierten Leistungssport bietet Einblicke in die Strategien der Sportpsychologie und unterstützt Trainerinnen und Trainern dabei, ihre Sportlerinnen und Sportler – aber auch sich selbst – wertschätzend und gesundheitsförderlich zu behandeln.