Drei Fragen an ...

... Dr. Kai Seiler, Fachgruppenleiter Gesundheitsmanagement, psychosoziale Faktoren und Leiter des Stabsbereichs Transfer und Wissenschaft am Landesinstitut für Arbeitsgestaltung des Landes Nordrhein-Westfalen (LIA.nrw)

Sie befassen sich mit der Umsetzung von Arbeitsschutz und betrieblicher Gesundheitsförderung in kleinen und mittleren Unternehmen. Welche Unterschiede zu großen Unternehmen bestehen im Bereich der psychischen Gesundheit?

Große Unternehmen verfügen meist über Strukturen und Voraussetzungen, welche die Umsetzung organisatorischer und handlungsbezogener Standards in Sachen psychischer Gesundheit ermöglichen. Es existieren beispielsweise Ansprechpartner für psychische Gesundheitsanliegen und es werden Weiterbildungen für Fach- und Führungskräfte angeboten.
Bei Klein- und Kleinstunternehmen (KKU) gibt es hingegen meistens keine konkreten Ansprechpartner für psychische Gesundheitsanliegen und es wird ungern Zeit für Weiterbildungen freigegeben – denn jeder Ausfall von Arbeitszeit kann direkte wirtschaftliche Folgen für die Unternehmen haben. Hinzu kommt, dass die sozialen Verhältnisse in Kleinunternehmen wesentlich intensiver sind, da sich alle untereinander kennen. Je nach Betriebsklima  kann das auch zu einer Tabuisierung des Themas psychische Gesundheit führen oder aber eine positive Ressource sein, da die Kolleg/innen und die Inhaber/innen vieles aus dem Leben der anderen mitbekommen.
Daher wurde im Rahmen von psyGA ein Teilprojekt beantragt, das speziell Betriebe aus den Bereichen Pflege, Handwerk und Gastronomie betrachtet. In Zusammenarbeit mit der Berufsgenossenschaft Nahrungsmittel und Gastgewerbe, der IKK classic und dem BGF-Institut der AOK Rheinland-Hamburg sollen vollständig neue Handlungshinweise, Regeln und Routinen erarbeitet werden, die KKU adressieren und sie unterstützen sollen, im Rahmen ihrer Gegebenheiten und Ressourcen die psychische Gesundheit zu fördern.

Warum ist es wichtig, dass auch kleine und mittlere Unternehmen das Thema psychische Gesundheit auf ihre Agenda setzen?

In KKU ist jede/r Einzelne von großer Bedeutung für die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens. Deshalb ist es besonders wichtig, dass längere Arbeitsausfälle und gesundheitliche Risiken durch vorbeugende Maßnahmen vermieden werden. Gerade psychische Erkrankungen führen nämlich zu besonders langen Ausfallzeiten. Das Thema psychische Gesundheit muss daher schon allein aus wirtschaftlichen Gründen Teil der Agenda aller KKU sein.
Viele kleine und mittlere Unternehmen sind durch besonders intensiven Kontakt zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern geprägt. Fehlende Anonymität, wenige Rückzugsmöglichkeiten und ein Mangel an entlastenden Programmen können Stress aufbauen, der zu psychischen Erkrankung führen kann. Zudem wird heute auch von KKU eine ständige Erreichbarkeit und mehr Kundenorientierung erwartet. Kundenansprüche und moderne Kommunikationswege können zur psychischen Überforderung führen, der vorgebeugt werden muss.

Wie können kleine und mittlere Unternehmen ihre Potentiale für die psychische Gesundheit der Beschäftigten nutzen?

Die Vertrautheit innerhalb von KKU kann nicht nur eine Belastung, sondern auch eine positive Ressource sein, sofern die Unternehmenskultur stimmt. Überschaubare Hierarchien und kurze Kommunikationswege sind zudem eine ideale Grundlage für die unkomplizierte Anwendung von Gefährdungsanalysen, Verhältnispräventionen, und Kommunikationsroutinen. Getroffene Entscheidungen können dementsprechend schnell umgesetzt werden.
Selbstverständlich lassen sich solche Präventionsmaßnahmen in wirtschaftliche Arbeitsabläufe integrieren. Beispielsweise führte ein Handwerksunternehmen eine wöchentliche Auftragsbesprechung ein. Während diesen Besprechungen werden auch  persönliche Anliegen thematisiert. Das wirkt sich positiv auf das Teamgefühl und somit auch auf die wirtschaftlichen Erfolge des Unternehmens aus.  
Schwierig wird es allerdings, wenn sich Führungskräfte dem Thema verschließen. Im Gegensatz zu großen Unternehmen können sich Arbeitnehmer von KKU mit ihren Anliegen nicht an einen Betriebsrat wenden, da dieser in aller Regel gar nicht vorhanden ist. Daher sind auch die Branchenverbände, sowie Innungen und Kreishandwerkerschaften, deren Vorstände großen Einfluss auf die Branche haben, wichtige Partner bei Projekten zu psychischer Gesundheit.