Drei Fragen an ...

... Dr. Hiltraut Paridon, Leiterin des Bereichs Psychische Belastungen und Gesundheit, Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherungen (DGUV)

Das Institut für Arbeit und Gesundheit (IAG) der DGUV hat eine Umfrage zum Thema ständige Erreichbarkeit in Zusammenhang mit psychischen Belastungen und gesundheitsgerechter Arbeit durchgeführt. Was waren dabei die zentralen Ergebnisse?

Eine höhere Belastung durch ständige Erreichbarkeit betrifft sowohl Führungskräfte als auch Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen. Besonders stark belastet ist jedoch die mittlere Führungsebene – das sind Führungskräfte mit Verantwortung für 20 bis 30 Beschäftigte. Zudem zeigte sich, dass viele Befragte glauben, ständig erreichbar sein zu müssen. Sie gehen davon aus, dass ihre Führungskraft dies von ihnen erwartet. Das ist aber gar nicht unbedingt der Fall.

Ein weiteres interessantes Ergebnis ist ein deutlich hervortretender Unterschied zwischen Führungskräften und Angestellten. Führungskräfte stimmten als Grund für ihre ständige Erreichbarkeit signifikant stärker der Aussage zu „Mitarbeiter/Kollegen treffen sonst falsche Entscheidungen“. Das zeugt von einem Mangel an Vertrauen in die Beschäftigten. Befragt nach den Motiven für ihre Erreichbarkeit stimmten die Befragten positionsunabhängig am stärksten der Aussage zu „Ich arbeite gern“. Hier verbirgt sich eine große Gefahr. Gerade psychische Fehlbelastungen werden oftmals lange nicht als solche wahrgenommen. Wenn dann eine Überbelastung bemerkt wird ist es meist schon zu spät. Es folgen Leistungsdefizite und ernste Gesundheitsprobleme. Daher sind ein Abschalten in der Freizeit und die damit verbundene Erholung absolut notwendig.

Welche Schritte leiten Sie auf Basis dieser Ergebnisse für Arbeitgeber und Arbeitnehmer ab?

Vorgesetze müssen deutlich machen, dass sie keine ständige Erreichbarkeit außerhalb der vereinbarten Arbeitszeiten erwarten. Ist eine Person nicht erreichbar, darf das keine negativen Folgen haben. Es gilt: Freizeit ist Freizeit. Um das zu gewährleisten, können  allgemeingültige Erreichbarkeitsregeln für das Unternehmen aufgestellt werden. Zum Beispiel, ob eine private Handy-Nummer an einen Kunden herausgegeben werden darf.
Aber auch die Beschäftigten können etwas beim Thema Erreichbarkeit tun. Wird beispielsweise am Wochenende eine Mail an einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin gesendet, sollte deutlich werden, dass keine sofortige Antwort erwartet wird. Eine sofortige Antwort kann unter Kollegen und Kolleginnen zu einem Teufelskreis beruflicher Kommunikation führen und falsche Erwartungen bestätigen.
In diesem Rahmen müssen auch Führungskräfte lernen, Verantwortung abzugeben und zu erkennen, dass ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen sie vertreten können. Dafür sollten sie ihre Beschäftigten auch qualifizieren. Gegenseitiges Vertrauen reduziert Stress.

Wie unterstützt das IAG Unternehmen bei Maßnahmen zur gesunden Arbeitsgestaltung?

Das IAG arbeitet primär mit den Berufsgenossenschaften und Unfallkassen zusammen, die wiederum Unternehmen mit ihrer Expertise unterstützen oder es berät die Unternehmen gemeinsam mit den Unfallversicherungsträgern. Zentraler Bestandteil der Tätigkeiten des IAG ist die Vermittlung eines systematischen Ansatzes zur Gefährdungsbeurteilung.