Drei Fragen an ...

... Prof. Dr. Dirk Windemuth, Direktor des Instituts für Arbeit und Gesundheit (IAG) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV)

In Ihrem „Praxisbuch psychische Belastungen im Beruf“ entwickeln  Sie zusammen mit zwei Kollegen das „Dreiebenenmodell psychischer Belastungen“. Was besagt dieses Modell?

Die öffentliche Diskussion um das Thema Stressreduktion beschränkt sich oft auf psychische Belastungen im Betrieb. Das greift aber in der Realität zu kurz. Das Modell besagt, dass psychische Belastungen auf drei Ebenen betrachtet werden müssen, nämlich auf der der Gesellschaft insgesamt, auf der des Betriebes und beim Beschäftigten selbst. Die Menschen haben auch privat Stress, oft den gleichen wie am Arbeitsplatz – beispielsweise durch Multitasking und Informationsflut. Und auch die Belastungen am Arbeitsplatz sind nicht zwangsläufig im Betrieb alleine verursacht, sondern oft auch durch gesellschaftliche Entwicklungen wie etwa sinkende Nachfrage, sich verändernde Märkte oder gesetzliche Rahmenbedingungen. Wichtig ist, alle drei Ebenen im Blick zu haben und auch, dass sie zueinander in Wechselwirkung stehen.

Was nützt das Modell Führungskräften in der Praxis und wie unterstützt es Unternehmen dabei, mit psychischen Belastungen besser umzugehen?

Das Ziel sollte sein, psychische Belastungen auf allen drei Ebenen zu verringern. Der Arbeitgeber ist nicht für alle Bereiche verantwortlich, kann und sollte aber trotzdem an vielen Stellen ansetzen: Zum einen natürlich bei den Faktoren, die im Betrieb selbst liegen, wie zum Beispiel Arbeitsorganisation und Ergonomie. In diesen Bereichen gibt es bewährte Präventionsmaßnahmen, auf die Betriebe zurückgreifen können. Entscheidend ist aber auch, dass Unternehmen mit passenden Maßnahmen auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren. Zum Beispiel werden altersgemischte Teams vor dem Hintergrund des demografischen Wandels immer wichtiger. Die Zusammenarbeit in solchen Teams funktioniert aber nur gut mit einem entsprechenden Führungsverhalten. Auch das Thema „Übertriebene Erreichbarkeit“ und der Umgang mit dem privaten Handy am Arbeitsplatz sind Beispiele, bei denen Betriebe eine gute Antwort auf eine insgesamt in der Gesellschaft stattfindende Entwicklung brauchen.

Wohin wird sich die Diskussion um das Thema „Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz“ entwickeln?

Wir sind schon auf dem Weg, das Thema psychische Belastungen umfassender zu betrachten. Gerade die aktuellen Diskussionen rund um das Thema Arbeiten 4.0, insbesondere unter den Schlagworten Entgrenzung und übertriebene Erreichbarkeit, tragen dazu bei. Wenn Arbeit und Privatleben immer mehr verschwimmen, können auch Belastungen und Stress nicht mehr nur getrennt gesehen werden. In meinen Augen ist diese Debatte eine große Chance, um Beschäftigte insgesamt wirklich zu entlasten. Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch die weiterhin gute Zusammenarbeit von Unfallversicherungen und Krankenkassen, die sich auch in der Vergangenheit schon bewährt hat.