Drei Fragen an ...

... Prof. Wolfgang Senf, Universität Duisburg-Essen

Wie hat sich die Diskussion über die psychische Gesundheit in den letzten Jahren verändert?

Neu ist: Die Diskussion wird in aller Öffentlichkeit geführt. Das war lange Zeit anders – wenn es um Gesundheit ging, stand eher das physische Wohlbefinden im Mittelpunkt. Heute haben psychische Erkrankungen in der Öffentlichkeit einen anderen Stellenwert als noch vor fünf Jahren. Das liegt auch daran, dass sich heute immer mehr Betroffene trauen, ihre Erkrankungen offen anzusprechen. Wir erleben eine klare Endtabuisierung psychischer Erkrankungen. Insgesamt führt diese Entwicklung zu einer „gefühlten Zunahme“ psychischer Erkrankungen, obwohl die Fallzahlen im Vergleich zu früher nicht so stark angestiegen sind.

Was verbirgt sich hinter dem Schlagwort „Burnout“?

Als Mediziner verwendet man den Begriff nicht, da er keine Diagnose darstellt. Er ist aber hilfreich, um das Themenfeld zu beschreiben und damit das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen. Ein besserer Begriff für das Phänomen „Burnout“ ist die Anpassungsstörung, bei der es sich um eine medizinische Diagnose handelt. Eine solche Störung liegt vor, wenn sich Umstände für die Betroffenen so dramatisch verändern, dass sie dauerhaft nicht mehr in der Lage sind, Herausforderungen im Alltag selbst zu bewältigen. Wir unterscheiden zwischen einer psychischen Krankheit – vergleichbar einer Diabetes-Erkrankung – und psychischen „Verletzungen“ – vergleichbar den Folgen nach einem Fahrradunfall. Eine Erkrankung entwickelt sich von Innen heraus, so auch eine schwere Depression, die dann meistens eine langfristige Krankheit ist. Psychische „Verletzungen“ treten dagegen oft plötzlich auf und zwar in Situationen sehr großer Überlastungen, die von den betroffenen Menschen nicht mehr bewältigt werden können. In solchen Fällen liegt dann eine Anpassungsstörung vor, die oft verkürzt Burnout genannt wird. Davon kann man sich wieder erholen, wenn es richtig behandelt wird. Natürlich bleiben aber auch „Narben“ zurück. Und es gibt selbstverständlich auch Menschen, bei denen eine solche „Verletzung“ Krankheiten wieder reaktiviert. Jeder Fall ist da anders.

Welche Schritte können Unternehmen und Beschäftigte ergreifen, um die psychische Gesundheit zu fördern?

Zunächst sollten sich die Verantwortlichen in den Unternehmen umfassend über das Thema informieren. Durch eine offene Unternehmenskultur können sie außerdem dazu beitragen, dass die Endtabuisierung von Betroffenen weiter voranschreitet. Beschäftigte sollten bei Bedarf medizinische Hilfe in Anspruch nehmen können. Nach einer krankheitsbedingten Auszeit ist das Ziel, den Patienten/Beschäftigten/Mitarbeitenden wieder handlungsfähig zu machen. Doch das kann meist nur gelingen, wenn sich gleichzeitig auch das Arbeitsumfeld verändert und die Beschäftigten die Möglichkeit erhalten, selbst an dessen Umgestaltung mitzuwirken. Am Ende eines solchen Prozesses kann für Unternehmen auch die Erkenntnis stehen, dass nicht jeder Beschäftigte für jede Tätigkeit geeignet ist. In solchen Fällen lautet eine erfolgreiche Strategie, die Stärken der Beschäftigten zu stärken, statt die „Ausmerzung“ der Schwächen in Angriff zu nehmen.